"Neues Deutschland", 27.03.2003

 

Gestern Abend in der ARD:

»Zeit der Rache«

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Grusical

Von Matthias Wedel

 

Viele wollen schon nichts mehr davon hören - von der Stasi nämlich - schreibt bekümmert der WDR im Werbeheft zu seinem Grusical "Zeit der Rache", das uns gestern den Abend verdarb. Die Vielen werden Gründe haben. Einer ist vielleicht das Fernsehen selbst: Lange über ihren ruhmlosen Abgang hinaus musste die Stasi dort Feindbild für das wiedervereinigte Deutschland spielen.

Wahrheit kann nämlich nicht genug sein in der Welt. Die Stasi war böse genug, da wird sich doch noch was finden lassen.

Ein so genanntes verdrängtes Kapitel vielleicht? Das Kapitel "Krebserregende Röntgenstrahlen gegen Dissidenten" wurde allerdings nicht übersehen, sondern nach allen Regeln der kriminalistischen Kunst untersucht. Aber leider: Das Fernsehen musste bisher darauf verzichten, es im Kampf gegen das Böse vorzutragen. Selbst die Gauck-Behörde - bekanntlich das Hauptamt für historische Wahrheit - konnte keinen Nachweis über vorsätzliche Verstrahlung von Häftlingen führen.

    Aber wozu sind wir Künstler, wozu reitet uns wild die Phantasie – man wird doch spekulieren dürfen ! Wenn man dafür Mitstreiter findet, die - wie Julia Jäger, im Film die Heldin Katja – fest im Glauben sind und für die WDR-Werbeabteilung bekennen: "Ich, halte Überlegungen, dass Oppositionelle mit Röntgenstrahlen in der Haft geschädigt wurden nicht für unwahrscheinlich. Was Menschen sich an Grausamkeiten und Brutalitäten ausdenken können, können wir uns wohl kaum ausmalen". Doch, wir können! Wir müssen sogar! Das Böse wird nämlich erst richtig böse, wenn es endlich sagenhaft wird, bis man eines Tages das, was war und das, was außerdem noch hätte sein können, nicht mehr unterscheiden kann. Aber in dieser Hinsicht ist der Streifen eisern. Jede der "guten" Figuren hat ein Pensum zu erfüllen und quasi direkt in die Kamera zu sagen, dass nichts bewiesen ist. Aber, bedeuten sie uns wichtigtuerisch, das Gefühl, also die Einbildung, weiß mehr als der Verstand. Und wenn die Figuren  richtig tief fühlen, dann können sie auch sehr tiefgefühlte Sätze rufen, wie: "Da laufen heute noch Tausende Kontaminierte ( also künftige Krebstote, die auf  Stasi-Konto gehen ) herum, ohne es zu wissen!"

Julia Jäger hat einen besonders komplizierten Auftrag an der ideologischen Front: Sie muss den Widerwillen vor allem der Ossis gegen das Stasithema mitspielen, sich aber dann, stellvertretend für den skeptischen Zuschauer, durch die "Fülle der Indizien" von der Existenz der sozialistischen Krebskanone überzeugen lassen. Das macht sie ganz gut. Zumal alle filmischen Register gezogen werden, wie innerer Monolog am Vatergrab (Dissident! Krebs!), während im Gebüsch der Stasischerge lauert oder Verlesen von Opferakten im Weichzeichner, mit trauerumflorten Blick und bei klagender Cellomusik.

So sorgfältig, wie der Film die Vermutung kennzeichnet (wozu hat man Justiziare!), so brutal ist er in der Lüge. Er behauptet, dass es heute in Deutschland eine Art Stasi-Mafia gäbe: Sie macht Menschen mit Stasimitteln gefügig, wendet Gewalt an -Verschleppung, Mord, Vortäuschung von Straftaten - und kontrolliert das öffentliche Leben.

Am Schluss darf ein - wie immer großartiger - Jürgen Hentsch als alter Stasigeneral in unser Wohnzimmer hinein formulieren: "Wie wir unsere Vergangenheit zusammenlügen, das verrät viel über unsere Gegenwart" Prima - aber leider nicht als Selbstkritik des Senders zu verstehen. Wieder ein Werk, dass die Bundeszentrale für politische Bildung getrost für den Unterricht empfehlen kann!