Nicht veröffentlichter Leserbrief an das "Neue Deutschland"

 

Thema: Zeugen Jehovas

Datum: 06.09.2000

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

beim urlaubsbedingten Nachlesen des ND stieß ich auf den Artikel "Wider die "Apostel der Atombombe" in ihrer Ausgabe vom 26./27.08.00 und musste mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen, dass die Zeugen Jehovas (ZJ) eine scheinbar völlig normale, nur der "strengen Auslegung biblischer Verheißungen" verpflichtete Glaubensgemeinschaft sein sollen. 

Immerhin handelt es sich um eine Weltuntergangssekte, die ihren Mitgliedern bereits sechs mal mit genauem Termin den Weltuntergang vorausgesagt hat, der glücklicherweise nicht eingetroffen ist. Der jetzigen Generation der ZJ wird fest versprochen, dass sie den Weltuntergang erleben wird, und dass nur die ZJ als Auserwählte dieses Ereignis überstehen werden. Mit dieser Irrlehre sind Tausende von Menschen, viele schon als Kinder und Jugendliche, dazu gebracht worden, sich bedingungslos dieser hierarchisch organisierten Sekte zu unterwerfen und nicht nur auf politische Aktivitäten, sondern auch auf berufliche Qualifizierung und sozialen Aufstieg zu verzichten. Sie sind - so wie Mitglieder anderer Sekten auch - um ihre Lebenschancen betrogen worden.

Ich gehöre wahrlich nicht zu den Fans der bundesdeutschen Justiz. Die Bürger eines demokratisch organisierten Staatswesens haben jedoch unabhängig von ihren religiösen Auffassungen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Eine elementare Pflicht ist m. E. die Teilnahme an Wahlen. Wer sich, wie die ZJ, solchen Pflichten verweigert, sollte wenigstens keinen Anspruch auf staatliche Förderung, Steuervergünstigungen u.ä. haben.

Noch ein Wort zu den Verfolgungen in der DDR. Es ist absurd zu behaupten, die ZJ seien wegen ihrer religiösen Überzeugungen verfolgt worden. In einer Zeit, als ich als ''Junger Pionier" Unterschriften unter den Stockholmer Appell zur Ächtung der Atomwaffen sammelte, haben die Zeugen Jehovas diesen Appell nicht nur abgelehnt, sondern einen Atomkrieg als Werk Gottes verherrlicht. Ich halte das schon für Kriegshetze. Ein Kongress in den USA hatte diese Sekte auf den Kampf  gegen den Kommunismus eingeschworen. Bei einer Kundgebung der Sekte in der Westberliner Waldbühne im Sommer 1949 wurde in übelster Weise gegen die antifaschistisch-demokratische Ordnung in der damaligen sowjetischen Besatzungszone gehetzt. In einer Zeit, in der der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, musste auch die Anfertigung von sog. Gebietskarten durch die ZJ, in denen u.a. militärische Objekte und Adressen von Volkspolizisten eingetragen waren und die über einen sekteninternen Nachrichtendienst ins westliche Ausland verbracht wurden, den Verdacht der Spionage aufkommen lassen. Das alles war zusammen mit dem erklärten Boykott der staatlichen Ordnung in der DDR Anlass für das Verbot der ZJ durch das Oberste Gericht der DDR im August 1950. Die nachfolgenden Inhaftierungen von leitenden Mitarbeitern und Kurieren der ihrer Zentrale in den USA und der deutschen Zweigniederlassung in Wiesbaden, später Selters, in der BRD hörigen nunmehr illegalen Sekte in der DDR waren folgerichtige Konsequenz dieses Urteils. Aus heutiger Sicht besteht kein Zweifel daran, dass die damals ergangenen hohen Freiheitsstrafen - besonders angesichts der mit Respekt zu betrachtenden Haltung der ZJ in der Zeit des Faschismus - unangemessen hart waren. Sie lassen sich nur aus der Zeit erklären, in der sie gefällt wurden. In der Geschichte der ZJ gab es auch Zeiten, in denen ihre Mitglieder in katholischen Gegenden der USA geteert und gefedert wurden. In zahlreichen Ländern der Welt sind die ZJ verboten und werden mit unterschiedlicher Härte verfolgt.

Schon Mitte der 60er Jahre erfolgten in der DDR keine Inhaftierungen von ZJ wegen ihrer Sektentätigkeit mehr und es wurde - auch seitens des MfS - vor allem auf Aufklärungsarbeit gesetzt. So wurde z.B. die ZJ-Oppositionsgruppe "Christliche Verantwortung" in ihrer Tätigkeit unterstützt. Ab 1961 erfolgten eine Reihe von Inhaftierungen von ZJ, die nicht nur den Wehrdienst, sondern auch den Bausoldatendienst verweigert hatten, also sog. Totalverweigerer waren. Auch in der BRD sollen etwa 600 ZJ, die nicht nur den Wehrdienst sondern auch den Zivildienst verweigert hatten, abgeurteilt worden sein. Während die Wehrdienstverweigerer der DDR zwischenzeitlich alle rehabilitiert wurden, ist mir so etwas von Wehrdienstverweigerern in der BRD nicht bekannt.

Im übrigen haben die christlichen Kirchen - die katholische Kirche wird von den Zeugen Jehovas als "Hure Babylons" tituliert - durchaus eindeutige Positionen zur Sekte ZJ. Wenigstens diese Positionen sollte man beachten, ehe man sich in den Dienst der Propaganda für diese Sekte stellt.