Zeitschrift „Geheim“ Nr. 1/2005,  31.März 2005

niederlande

Ein Geheimdienst bastelt sich eine maoistische Partei

Der ehemalige Abwehr-Chef des niederländischen Geheimdienstes plaudert aus dem Nähkästchen


Das Eigentümliche von Geheimdiensten ist, dass sie im Verborgenen operieren - nur selten gelingt es, einen Einblick in ihr Wirken zu bekommen. Kaum ein Geheimdienst-Angehöriger kann in seinem persönlichen Umfeld über den Beruf reden, selbst Familienangehörige wissen oft nicht, womit der Vater oder Ehemann sein Geld wirklich verdient. Anerkennung gibt es bestenfalls im engeren Kollegenkreis, beim Ausscheiden wird keine öffentliche Laudatio gehalten, selbst Orden müssen in der Schublade bleiben.

Bei so manchem Geheimdienstmann regt sich nach der Pensionierung der Mitteilungsdrang. Legendär sind z.B. die sogenannten „Langemann-Papiere", die das Monatsmagazin „konkret" Anfang der 80er Jahre dokumentierte. Redselig war auch der Ex-BND-Mann Norbert Juretzko, der vor wenigen Monaten das Buch „Bedingt dienstbereit" veröffentlichte. Begeistert sind die Geheimdienste über derartige Enthüllungen ver­ständlicherweise nicht. Langemann bekam ebenso Ärger wie Juretzko, Erinnerungsbücher liebt man nicht.

In den Niederlanden ist das nicht an­ders. Auch der ehemalige Abwehr-Chef im Geheimdienst „Binnenlandse Veiligheidsdienst" (BVD) Frits Hoekstra erregte mit seinem Buch „In Dienst von de BVD" den Zorn seines Innenministers.

Hoekstra plaudert in seinem Buch vor allem über die Aktivitäten seines Dienstes in den 70er Jahren. Dabei streift er so ziemlich alle Problemfelder, mit denen der Geheimdienst eines kleinen Nato-Landes sich befassen muss: Mit Umtrieben ethnischer Minderheiten (Molukker), mit der Zusammenarbeit mit anderen Nato-Diensten, mit Rivalitäten innerhalb der eigenen Organisation und mit der Justiz.

Was Hoekstra schreibt, klingt plausibel - Belege wie etwa Aktenauszüge etc. bietet er allerdings nicht. Möglicherweise hat er seine eigene Rolle ein wenig über­höht, vielleicht auch hin und wieder die Fakten dramaturgisch akzentuiert. Dennoch bietet das Buch einen Einblick in die Psyche der Geheimdienstgemeinde der Niederlande - die sich im Gegensatz zu den bundesdeutschen Geheimdien­sten immerhin zugute halten kann, dass sie in ihrer historischen Entwicklung stark vom Widerstand gegen die nazi­deutschen Besatzer geprägt wurde.

Das Misstrauen gegenüber dem star­ken Nachbarn im Osten kommt in Hoekstras Buch immer wieder durch. Die Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrich­tendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) war demnach eher von kühler Distanz als von vertrauensvoller Kollegialität geprägt. Anders das Verhältnis zu den angelsächsischen Diensten: Der britische MI6 war so etwas wie der große Bruder. Weniger herzlich war das Verhältnis zur CIA, die sich mitunter rüpelhaft in die Angelegenheiten der Niederländer einmischte. Den Franzosen traute man nicht so recht über den Weg, dem israelischen Mossad und dem südafrikanischen BOSS noch weniger.

Hoekstras Buch lässt vermuten, dass der niederländische Dienst von der auch ideologisch bedingten Professionalität des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (und insbesondere der Hauptverwaltung Aufklärung) weit entfernt war. Da konnte es schon mal vorkommen, wie Hoekstra belustigt schildert, dass eine Sondereinheit des BVD auf der Bolkerstraat mitten in Amsterdam von der Polizei verhaftet wird, weil sich unter ihren Pullovern die Ballermänner so deutlich abzeichneten, dass sich Passanten beim Einkaufsbummel bedroht fühlten.

Aufschlussreich ist Hoekstras Buch vor allem in seinen Schilderungen, wie die kommunistische Bewegung der Nieder­lande neutralisiert wurde. Es begann - vor Hoekstras Zeit - Ende der 50er Jahre, als sich der Geheimdienst mit anonym ver­schickten „Kaderbriefen" in die interne Diskussion der PCN einmischte.

Als Anfang der 70er Jahre in vielen westlichen Ländern vorwiegend unter Studenten und enttäuschten Alt-Kommunisten das Interesse am Maoismus wuchs, schaltete sich in den Niederlanden der BVD ein - der Geheimdienst gründete kurzerhand die „Marxistisch-Leninistische Partij Nederland" (MLPN). (s. hierzu auch ein Interview mit Hoekstra in der „jungen Welt" vom 17. Dezember 2004. (www.jungewelt.de/2004/12-17/020.php)

Die Operation bekam die Tarnbezeichnung „Mongool", die CIA stellte dafür eigens einen Verbindungsoffizier ab. Das Führungspersonal der MLPN rekrutierte sich aus BVD-Agenten, Flug­blätter und Parteizeitung wurden praktischerweise gleich in der Hausdruckerei des BVD hergestellt. Die MLPN war so erfolgreich, dass - laut Hoekstra - ihr Vor­sitzender (Deckname „Sipier") nach Peking eingeladen wurde. Nach einiger Zeit trug sich die Operation selbst, denn über Peking und Tirana wurde die Partei finanziert. (Die niederländisch-albanische Freundschaftsgesellschaft wurde übrigens auch von einem BVD-Agenten geleitet.)

Wer in den 70er/80er Jahren in der BRD die Vielzahl maoistischer Gruppierungen erlebt hat, sollte an dieser Stelle ins Grübeln kommen. Es spricht nichts für die Annahme, die BRD sei von derartigen Geheimdienst-Aktionen verschont geblieben. Die unverblümte Spaltertätigkeit vieler dieser Gruppen hatte schon damals Anlass zu mancherlei Vermutungen gegeben. Als Anfang der 70er Jahre Bundestagsabgeordnete arglos forderten, die vor allem durch lautstarke Randale aufgefallene KPD/AO zu verbieten, weigerte sich der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher mit dem listigen Hinweis, derartige Gruppen seien innenpolitisch überaus nützlich.

Von all diesen Parteien  ist in Deutschland heute praktisch nur noch eine übrig geblieben. Sie nennt sich MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands), sie ist eine erfolgreiche Spalterin und hat ein (offen zugegebenes) Vermögen von etwa acht Millionen Euro. Honi soi qui  mal y pense.

peter wolter

In Dienst van de BVD, Spionage en contraspionage in Nederland), von Frits Hoekstra, Uitgeverij Boom, Amsterdam 2004