"Neues Deutschland", 7./8. Juli 2001

 

Die Sudelecke der Gauck-Behörde

 

Jeder kann mitspielen beim schmutzigen

Internet-Spiel der gegenseitigen Beschimpfungen

 

Von Peter Kirschey

 

Die Bundesbehörde für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, im Volksmund BStU genannt, hat sich etwas Nettes einfallen lassen. Die Behörde hat ein so genanntes Schwarzes Brett im Internet eingerichtet, wo jeder, der will, seine Gedanken und Gefühle auf die Menschheit loslassen kann. Und damit alles schön gesittet zugeht, wurden richtige Spielregeln erlassen. Unter Punkt 2 heißt es: "Beiträge und Themen, deren Titel oder Inhalt gegen geltendes Recht verstoßen und Schimpfwörter, Beleidigungen, Verleumdungen o ä . enthalten, werden gelöscht. Das gilt auch für Polemik und Falschmeldungen."  Vom schwarzen Brett getilgt werden sollen ebenfalls Beitrage mit "personenbezogenen Daten", Presseartikel und Meisterwerke älteren Datums.

Ein Blick auf das Schwarze Brett einer - zumindest dem Gesetz nach - neutralen Behörde lässt die deutsche Volksseele aufjauchzen. Da wird im besten Fäkalienjargon eine Schweinerei nach der anderen losgelassen. Da werden Schreiber mit anderer Meinung diffamiert, es wird zur Pogromhetze aufgestachelt und es werden Lügen verbreitet, dass es nur so kracht. Das geht bis zu Aufrufen zur Lynchjustiz.

Einige Beispiele aus dem unendlich großen Sammelsurium der Sudeleien. Ein "dot.com" schreibt in rustikalem Deutsch unter der Rubrik "DDR - dumm, dreist und rotzfrech" jene bemerkenswerten Zeilen: "Wir haben hier in Florida nicht nur Krokodil-Handtaschen, sondern auch unzählige Exil-Kubaner, denen brauche ich nur zu sagen dass Sie ein Tschekist sind und der Rest erledigt sich dann Ganz von selbst. Seien Sie vernünftig und hören Sie auf meinen gut gemeinten Rat".

Unter der gleichen Rubrik meldet sich in strammer "leipzighero" zu Wort: "Wäre die Wiedervereinigung nicht gekommen, wäre in Westdeutschland Wohlstand und Ruhe. Und nun nerven uns alle die sich als 2.Klasse Ostdeutsche fühlen. Es gibt von Berlin eine Zugverbindung nach Minsk  (Weißrussland). All denen das jetzige System nicht passt sollten eine einfache Bahnfahrt 2.Klasse dahin bekommen. Ein paar Mark Verabschiedungsgeld in West, und eine Entlassung aus der Westdeutschen Staatsbürgerschaft... Es ist einfach zum Kotzen mit Euch Weicheiern".

Auch ein "Ronny" weiß genau, wie es um die einstigen DDR-Bürger bestellt ist: "Zu faul als Arbeitsloser nach Bayern zu gehen, wo Stellen frei sind. Nee, lieber zuhause unter den Genossen rumlungern und warten, das jemand klingelt und die blühenden Landschaften vorbeibringt."

Zu einem regelrechten Schlamm-Krieg ist das Duell zwischen einem "PSFouler" und einer strammen Garde von Antikommunisten entartet. "PSFouler" fragt in einem Text: "Wer sind Sie wirklich Reiner Sch." (der Name ist ausgeschrieben d. Red.) Darin werden Fragen an Sch. nach seiner Vergangenheit als professioneller Schleuser und Agent des amerikanischen Geheimdienstes gestellt. Sch. soll gegen gutes Geld besonders medizinisches Personal aus der DDR in die Bundesrepublik geschleust haben. In einer Gegenantwort von Rainer Sch. wird kräftig vom Leder gezogen: "Wir kennen W. D (Name ausgeschrieben d. Red.) seit Jahren als kleines schmutziges ungewaschenes Männchen, was am Checkpoint Charlie jungen Mädchen nachstellt, sie sexuell belästigt und ihnen Liebesbriefe schreibt." Dann wird die genaue Adresse und Telefonnummer genannt und "PSFouler", alias W.D. als "armer kranker Psychopath" und "Schmutzfink" bezeichnet, der als "DOPPEL-Agent für das MfS" gearbeitet habe.

Ein Herr "Rolf" schreibt an einen Bundestagsabgeordneten von der SPD: "Verständlich, dass für ihn (gemeint ist Sch. d. Red.) eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit von Sozialdemokraten mit den roten Banditen von SED-PDS unakzeptabel ist."

Das Spiel ließe sich beliebig fortsetzen. Etwa 95 Prozent der Äußerungen am Schwarzen Brett bewegen sich auf diesem Niveau. Und die Behörde bietet dafür den Internet-Raum. Hätte es den Kalten Krieg nicht schon gegeben, er müsste eigens für diese Rubrik erfunden werden. Eine Rückfrage bei der Pressestelle der Birthler-Behörde brachte keine neuen Erkenntnisse. Man habe alles sorgfältig registriert und unser Anliegen verstanden. Man werde zurückrufen. Bei dem Versprechen ist es dann geblieben.