Geschichte als Instrument

 

Mit der Geschichte lassen sich Skandale kreieren, die Welt in „anständig“ und „unanständig“ aufteilen, in „gut“ und „böse“, lassen sich Debatten inszenieren, die über Wochen die Feuilletons beschäftigen und mediale Präsenz ermöglichen.

Mit Geschichte lässt sich von „harten“ Problemen, die Detail und Umsetzung erfordern, ablenken zugunsten geistesgeschichtlicher Großwetterlage, in die man Zeitdiagnostisches nach Belieben einspeisen kann.

Denn ihr Potential ist für alles gut: für das falsche Zitat, die unzutreffende Parallele, für das gewollte Missverstehen, den übertriebenen Vergleich, für vermeintliche Ursache und unterstellte Wirkung, für Ästhetik und Moral, für Vorbild, positiv oder negativ, für die Sehnsucht nach „historischer“ Verortung angesichts zunehmender Innovationsdynamik, gar nach „Identität“.

 

Aus: Jürgen Aretz und andere: „Geschichtsbilder. Weichenstellungen deutscher Geschichte nach 1945, herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung, Freiburg 2003, Seite 14.