„Neues Deutschland“ , 24./25.03.2007

Verklarung

Von Hermann Kant

Eine Linkspartei, deren Mehrheit einer Minderheit beim Streit um DDR-Geschichte »Verklärung des Sozialismus« vorwirft, obwohl nur Offensichtliches benannt worden war, beschert ihren Gegnern herrliche Aussichten. Sie erledigte sich, hielte sie an dem Unfug fest, wo nicht von selbst so doch selber. Sogar die klägliche Beteuerung, es sei nicht alles schlecht gewesen, dürfte dann als Verherrlichung gelten. Schon die Ansicht, es habe eine DDR gegeben, die sich als sozialistischer Staat empfand, riefe den Ausschluss Linker durch Linke herbei. Was vor historisch kurzem als Delegitimierung empfohlen wurde, wäre binnen historisch kurzem als Anti-Verklärung am Ziel.

Verklären ist fast das Gegenteil von Verklaren. Während Verklärungen mehr in Glaubensgeschichten vorkommen, ist mit Verklarung die gerichtliche Untersuchung von Schiffsunfällen gemeint. Die Gruppe in Berlins Linkspartei, deren Argumente von der Mehrheit ihrer Genossen zurückgewiesen wurden, hat zwar gravierende Umstände des Untergangs der DDR benannt, aber nicht behauptet, diese hätte, wäre sie nur ungestört durch anti­sozialistische Kräfte gewesen, noch lange über Wasser laufen können. Gleichwohl wird den linken Linken solcherart Verklärung nachgesagt.

Wenn die Ansicht unstatthaft ist, der zeitweilig real existierende Sozialismus habe über seine eigenen Idiotien hinaus auch real existierende Feinde gehabt, kann kritische Sichtung der Geschichte nicht stattfinden. Wer sich und anderen verbietet, zu den Ursachen einer Niederlage auch das Wirken von Gegenkräften zu zählen, mindert seine Gegner herab und nimmt sich selber alle Wirksamkeit. Die Annahme, den Sozialismus habe kein Ring aus kräftigsten Maschinen und mächtigsten Apparaten eingeschlossen, und in Wirklichkeit hätten ihm nur ein paar Windmühlen gegenübergestanden, ist eine Spielform von Donquichotterie, die Verklärung des Kapitalismus hei­ßen könnte.

Dem Totrüsten folgte Totreden. Ein Beispiel: Taucht in Meldungen die selbsttragende Bezeichnung »DDR-Vergangenheit« auf, ist Nachricht aus dem Reich des Bösen zu erwarten. Wo die nicht folgt, sagt der Polemiker, muss auf Verklärung geschlossen werden. Und fährt im gleichen Tone fort: Jene Sozialisten, denen die Ansicht, der Sozialismus sei nicht ausschließlich von eigener Hand gestorben, als Verklärung gilt, summen   bei einem Grabgesang mit, der ihnen gilt. Mir Gastkolumnisten klingt das reichlich lebensmüde.

Um der Stimmung zu entkommen und meinen Genossinnen und Genossen dienstbar zu sein, suchte ich nach einer Formel, auf die sie sich einigen könnten. Bei den Wunschsätzen schlechthin, die den Eigentumsartikel des Grundgesetzes einleiten - »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Gemeinwohl dienen-, lieh ich mir das verwunderliche Wort »zugleich« aus und formulierte ein Minimalprogramm, das lauten könnte: Linkssein verpflichtet. Wer gegen eine Verklärung des Sozialismus ist, muss sich zugleich gegen dessen Verteufelung wen­den.

Ich bin gegen eine Verklärung der DDR, wie ich gegen deren Verteufelung bin. Sie war nicht besser, als sie war; und das ist am Ende schlecht genug gewesen. Daran ging sie zugrunde, aber auch an denen, denen an ihr zuviel des Guten war.