Zwie-Gespräch Nr. 15 (1993), Seite 1 - 7

 

Vom Sinn meiner Gespräche mit ehemals operativ bearbeiteten Personen

 

Vor eineinhalb Jahren begann ich Gespräche mit einigen Personen, die von Mitarbeitern meines früheren Verantwortungsbereichs im MfS in operativen Arbeitsprozessen "operativ bearbeitet" - so unser damaliger Sprachgebrauch - worden waren.

Derartige Gespräche erfolgten zum Teil regelmäßig im monatlichen Rhythmus, sowohl zu zweit oder im Kreis weniger Personen, als auch in einem öffentlichen Diskussionskreis mit etwa 30 Beteiligten.

Diese Gespräche kamen sowohl auf meine Initiative, als auch auf Wunsch einiger Gesprächspartner zustande.

 

Warum wollte ich solche Begegnungen?

 

Angesichts des den Medien zu entnehmenden und zum großen Teil von ihnen initiierten Stimmungsbildes zum ehemaligen MfS, seinen Praktiken, den Handlungen und Motiven seiner Mitarbeiter, wollte ich mich selbst als einer der damals Agierenden äußern, und zwar äußern denjenigen gegenüber, die nach meiner Auffassung einen maßgeblichen Anteil am von den Medien beherrschten Stimmungsbild uns gegenüber hatten bzw. haben.

Zum anderen ging es mir darum, mich denjenigen anfaßbar (angreifbar war ich ohnehin) zu machen, ihnen einen persönlichen Eindruck von mir zu vermitteln und gleiches auch von ihnen zu erlangen. Besonders letzteres erschien mir für mich bedeutsam, da meine früheren Informationen zu diesen Personen fast nur aus Widerspiegelungen, in den seltensten Fällen aus persönlich gewonnenen Eindrücken, stammten.

Für mich war es jetzt besonders bedeutsam zu erfahren, ob die ehemals angenommenen, zum Teil unterstellten, aber auch zum anderen Teil zu recht vermuteten DDR-feindlichen Motive tatsächlich gegeben bzw. aus heutiger Sicht noch wahrzunehmen waren.

Und schließlich ging es mir auch darum, etwaige Vorwürfe gegen ehemals mir unterstellt gewesene Mitarbeiter abzufangen und es nicht ihnen alleine zu überlassen, sich ggf. rechtfertigen zu müssen für Entscheidungen, die eher ich zu verantworten hatte.

Ich bemühte mich zu lernen, den anderen zu verstehen, mir seine Gedanken- und Gefühlswelt zu erschließen.

 

 

Worin sehe ich nun ein Ergebnis dieser Gespräche?

 

Ich bin mir sicher, anfaßbar bin ich für die meisten meiner Gesprächspartner geworden.

Bezüglich des früheren "was, wie und warum?" gab es sehr angeregte Dispute, im Regelfall unerbittliche Vorwürfe und zumeist Verständnislosigkeit für mein bzw. unser Herangehen an unsere Versuche zum Lösen gesellschaftlicher Probleme mit den "spezifischen Mitteln des MfS".

Es blieben zumeist sehr verschiedene Bewertungen bestimmter gesellschaftlicher Vorgänge und Erscheinungen trotz gelegentlicher (oder exakter: seltener) Übereinstimmungen.

Prinzipielle Unterschiede gab es stets beim Bewerten der DDR als sozialistischer Staat. Diese für mich entscheidende Grundposition durchdrang alle Gespräche mit jenen Partnern, die einen verbesserten oder "richtigen" Sozialismus wollten.

Mitunter hatte ich den Eindruck, daß der eine oder andere sogar geneigt war, mir zu glauben, daß ich - und damit auch viele andere Mitarbeiter - einen besseren Sozialismus wollten. In öffentlichen Gesprächen hatte ich jedoch stets den Eindruck, daß mir bezüglich meiner Motive vorrangig Eigennutz unterstellt wurde.

Für bemerkenswert halte ich, daß fast alle Gesprächspartner erklärten, eine bessere DDR und in keinem Fall etwa deren Beseitigung gewollt zu haben.

Während mir das in einigen Fällen aus heutiger Sicht glaubhaft erscheint, bin ich mir in einem Fall sicher, daß diese Aussage nur eine Schutzbehauptung ist. Wer heute in der Regierungspartei ist und staatliche Verantwortung der BRD wahrnimmt, kann es wohl mit DDR - Verbesserung nicht so ehrlich gemeint haben.

In jenen Fällen, da die Gespräche nicht im öffentlichen Rahmen, sondern im kleinen Kreis stattfanden, empfand ich sie trotz manch harter Konfrontation und oft unüberbrückbarer Gegensätze als sachlich.

Ich hatte auch den Eindruck, daß man von mir erwartete, prinzipiell zu dem zu stehen, was ich gemacht habe. Ein Versuch des Anbiederns oder "Verbrüderns" wäre unglaubhaft und hätte jede Aufrichtigkeit in Frage gestellt.

 

Für wenig dienlich im Sinne eines gegenseitigen Verständlichmachens von Positionen halte ich öffentliche Podien, zumal wechselnde Teilnehmer von Veranstaltung zu Veranstaltung permanent Wiederholungen bringen, letztlich dreht man sich im Kreise.

Solche vom Frühjahr 1992 bis Januar 1993 in einem Fall unter meiner Teilnahme praktiziert, führten u.a. einen ehemals in einem Operativen Vorgang erfaßt gewesenen Pfarrer, einen ehemaligen Stadtbezirksbürgermeister (beide als Initiatoren der Gespräche), einen Teil der Gemeindemitglieder, ferner ehemalige Übersiedlungsersuchende und zeitweilig drei ehemalige MfS-Angehörige in einem Gesprächskreis zusammen. Während es mit dem Pfarrer, einem Teil der Gemeindemitglieder und einigen ehem. Übersiedlungsersuchenden Gespräche gab, die nach meinem Empfinden von der Bereitschaft zeugten, einander zuzuhören und sich zumindest ansatzweise verstehen zu wollen, vermißte ich eine solche Bereitschaft bei anderen Beteiligten. Mit Ihnen gab es nur Übereinstimmung dahingehend, nicht übereinzustimmen. Ich glaube, manch einer hatte direkt Furcht davor, von mir womöglich Zustimmung zu einer Position zu erhalten oder mit mir einer Meinung sein zu können.

Bei einigen dieser Teilnehmer erhärtete sich meine frühere Position, diesen Menschen wenig Achtung entgegenbringen zu können:

sie waren in der DDR mit Problemen ihrer Arbeit, des gesellschaftlichen Umfeldes und oft auch der Familie nicht zurechtgekommen, suchten die Schuld dafür  ausschließlich bei dritten und wählten dann die Flucht in "eine andere Welt", in den anderen deutschen Staat als Ausweg.

Meine diesbezügliche Wertung dazu wurde verständlicherweise mit Empörung aufgenommen.

Ich äußerte mich trotz absehbarer Wirkung derart unverblümt, weil ich meine Denkweise und damit Motive meines damaligen Handelns deutlich machen wollte.

Die Aufforderung an mich und die anderen beiden Mitarbeiter, uns doch "endlich zu den an ihnen begangenen Verbrechen zu bekennen", deutet auf die Schwierigkeiten des Umgangs miteinander.

Diese Gesprächsrunde fand ein abruptes Ende.

Nicht allein dieses Ende bestätigte meine Auffassung, wonach derartige öffentliche Dispute zwischen Beteiligten beiderseits der damaligen Barrikaden (ich wehre mich gegen die gängige Täter-Opfer-Relation) wenig ergiebig sind.

Sie haben etwas von Stierkampfmentalität an sich.

Alle Beteiligten sind einer Rolle verpflichtet, die das Klärende höchstens als sekundäres Element enthält. Man muß gewinnen.

Am ehesten lassen sich Positionen in Begegnungen zu zweit bzw. im kleineren Kreis, wo jeder auch zu Wort kommen kann, erklären; kann man versuchen, tiefer in Probleme einzudringen und ggf. thematisch und mit Ausdauer miteinander debattieren. In einer solchen Atmosphäre können auch Dinge offenbart werden, die unter anderen Bedingungen ungefragt und damit auch unbeantwortet blieben.

Diese individuelle Atmosphäre ist u.a. eine wesentliche Bedingung dafür, daß es in der nachrichtendienstlichen Arbeit gelingen kann, solche Personen auf einen Nenner zu bringen, die dem äußerlichen Eindruck nach keinerlei Gemeinsames haben können.

Aus dieser öffnenden Wirkung eines "Zwiegesprächs" vermag man - so man will - auch zu erklären, warum dieser oder jener früher mit Angehörigen des MfS gesprochen, ggf. Jahrzehnte zusammengearbeitet hat, obwohl die Umwelt von einem derartigen Kontakt nichts ahnte und mit hoher Wahrscheinlichkeit diesbezügliche Vermutungen in Abrede gestellt hätte.


Warum habe ich mich bis jetzt bei keinem der Gesprächspartner entschuldigt für das, was ich gemacht habe?

 

Als erstes gehe ich davon aus,  gegenüber keinem der Gesprächspartner Maßnahmen verantworten zu müssen, die nach DDR-Recht gesetzwidrig waren.

Ich will nicht behaupten, daß alles moralisch zu rechtfertigen war, was ich gemacht habe. Mit moralisch meine ich die Moral, die wir selbst verbal gefordert hatten.

Nicht nur ich rechtfertigte mich wiederholt mir selbst gegenüber oder versuchte Skrupel bei Mitarbeitern zu zerstreuen mit dem Hinweis, "es sei schließlich für eine gute Sache".

Aber ich eben auch!

Zweitens kann ich mein damaliges Handeln nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Situation bewerten - das gleiche betrifft auch den jeweiligen Widerpart. Ich weiß auch heute nicht, was ich hätte wesentlich anders machen können bzw. müssen. Damit meine ich: welches evtl. andere Handeln von mir hätte etwas bewirken können? Anders handeln zu wollen hätte auch des Wissens bzw. der Einsicht bedurft, in richtiger Weise handeln zu können. Ich bin mir bewußt, mit dieser Position nicht verstanden zu werden. In dieser Frage gibt es die entscheidenden Differenzen mit allen Gesprächspartnern.

Dazu zwei Aspekte:

Dem heutzutage nicht nur einmal vernommenen Ratschlag bezüglich meiner damaligen Position, einfach nicht mehr mitzumachen, kann und will ich nicht folgen.

Nicht nur meine eigene Person, sondern mein gesamtes gesellschaftliches Umfeld war ausschließlich der DDR behaftet, obwohl es gleichwohl genügend kritische Distanz zu Elementen unserer Politik gegeben hat.

Ein etwaiges "Überlaufen zur Opposition" war für mich zu keiner Zeit auch nur angedacht worden und ist selbst aus heutiger Sicht für mich nicht denkbar.

Die Differenzen waren und sind zu stark.

Entweder wir hätten vielleicht gemeinsam etwas ausgerichtet; gemeinsam heißt die SED und die sich als linksorientiert verstehenden damaligen "Oppositionellen" oder es gewinnt der Dritte:

in diesem Fall die westdeutsche Konkurrenz.

So war’s ja schließlich.

Zum anderen war ich mir oftmals des Defizits unserer Gesellschaft an Demokratie, an Mitbestimmung des Einzelnen, ja sogar an Mitsprache der unteren Gliederungen der Partei - es wurde leider all zu oft über die Köpfe der Beteiligten hinweg entschieden - bewußt. Aber ich befürchtete bei einem Mehr an Mitsprache der Bürger, daß es zu einem Abwählen der DDR-Gesellschaft kommen könnte.

Und bei allem Respekt vor den ehrlichen Wünschen verantwortungsbewußter Bürger hatte ich stets das "Mitmischen der Gegenseite" vor Augen, wozu es in unserer Arbeit genügend Erkenntnisse gegeben hat.

Wer heute noch meint, die Bürgerbewegung und die Ereignisse des Herbstes 1989 alleine hätten die eingetretenen Veränderungen bewirkt, der verkennt u.a., daß es eine derartige Wirksamkeit der meisten 'Bürgerbewegten' nur geben konnte, weil es (bei Akzeptanz vieler Eigeninitiativen aus dem eigenen Lande) umfangreiche ideelle, logistische, zum Teil materielle Unterstützung von der Westseite und entsprechende Medienbegleitung gegeben hatte.

Es war tatsächlich die Ausnahme, wenn es nicht so war.

Heutzutage sind viele der von ihnen eingebrachten Demokratieansätze dieser Zeit nicht mehr gefragt, weder eine Runder Tisch noch Verfassungsdiskussionen und schon gar nicht etwa das Abschaffen geheimdienstlicher Aktivitäten und womöglich Auflösen diesbezüglicher Dienste u.ä..

 

Trotz bereits länger andauernder Gespräche fehlt mir das Akzeptieren der fortlaufenden Aktivitäten jener, von denen ich den Eindruck habe, ihre zweifellos antikapitalistische Grundposition reduziert sich auf eine kritische Distanz zur DDR und insbesondere zum MfS.

Ich glaube, bei aller Berechtigung von Kritik an unserem Anteil am Niedergang der DDR kann es nicht das alleine sein, was manche gegenwärtige Auseinandersetzung ausmacht.


Dabei trifft mich stets aufs neue das öffentliche Bezeichnen von ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeitern.

Ich verstehe das Interesse derer, die einst von uns operativ kontrolliert worden waren, am Erkennen jener Personen in ihrem Umfeld, die in unserem Auftrag ihnen gegenüber aktiv geworden waren. Es stellen sich die Fragen, was hast Du gemacht und warum hast Du so gehandelt?

Die Antworten des IM sind nicht leicht.

Unsere Position als ehemalige Führungsoffiziere ist in dieser Hinsicht entschieden leichter, denn wir standen nicht in der Vertrauensbeziehung zur ehemals kontrollierten Person.

In einem Fall erlebe ich gegenwärtig die Gesprächskonstellation zwischen diesen drei Beteiligten: damaliger Täter, IM und Führungsoffizier.

Es kostet Überwindung; es werden Denkweisen und damit Motive des Handelns sichtbar, die ich früher nur zum Teil geahnt hatte.

Es ist zu früh, ein abschließendes Urteil zu fällen, aber so viel sei gesagt: es geht erst einmal.

Im Prinzip ist Charakter bei allen Beteiligten gefragt, d.h. prinzipiell zu dem zu stehen, was man gemacht hat, sonst wird es mit Sicherheit der Versuch des "Schlachtens". Man wird kaum "mogeln" können, das Wissen über den jeweils anderen ist zu umfangreich.

 

In keinem Fall war jemand bereit, meine Position zu teilen, einen ehemaligen IM am ehesten daran zu messen, ob er uns die Wahrheit gesagt hatte und nicht daran, wem sie mitgeteilt worden war.

Am Wahrheitsgehalt gemessen, käme das Prinzip der IM-Arbeit entschieden besser weg als am "Spitzel".

Aber die Wahrheit ist offensichtlich auch in dieser Beziehung am wenigsten gefragt, der politische Zweck zählt weitaus mehr.

Ein Entschuldigen setzt nach meiner Meinung ein Unrechtsbewußtsein voraus.

Die Erkenntnis, durch meine die DDR sichernde und schützende Tätigkeit zugleich auch deren schwerwiegende Mängel und Gebrechen konserviert zu haben, beinhaltet sicherlich einen bedeutenden Ansatz für ein Schuldgefühl oder ein Unrechtsbewußtsein, aber es ist es noch nicht.

Ich will es mir auch nicht leichter machen und einfach "Asche aufs Haupt streuen", um Ruhe zu haben.

Um das Erfordernis, zu einer Lösung zu kommen, weiß ich. Ich habe durch meinen Anteil am "Niederhalten der Opposition" genügend Anlaß, eigene Schuld zu suchen.

Da ich zugleich betonen muß, sehr vieles gegen das tatsächliche Schädigen und Schwächen der DDR geleistet zu haben - es gab mehr in meinem Leben, als nur Oppositionelle zu bearbeiten - halte ich die häufige Feststellung meiner Gesprächspartner, die Hauptschuld am Versagen der DDR-Gesellschaft trügen solche Leute wie ich, nicht für ganz erschöpfend.

Ich kann diesen Vorwurf nur partiell akzeptieren.

Schließlich möchte ich darauf verweisen, daß die permanenten Behauptungen zum "Unrechtsregime DDR" und zur verwerflichen oder gar verbrecherischen Rolle des MfS eine Bereitschaft zum offenbarenden Herangehen durch ehemalige MfS-Angehörige nicht nur schlechthin erschwert, sondern blockiert. Und winkt dann noch der Staatsanwalt mit einem Ermittlungsverfahren, in dem unser früheres Handeln an ausländischem Recht gemessen wird, muß jeder ein Esel sein, der sich ans Messer liefert.

 

Eine letzte Feststellung:

 

In keinem Fall bekannte bis jetzt einer meiner Gesprächspartner, gleichfalls eine Aktie am Verschwinden der DDR zu haben bzw. wenn, dann war das bezüglich "dieser DDR" gewollt.

Ich würde mich freuen, wenn es Reaktionen geben würden, die mir bezüglich dieser Aussage einen Irrtum nachweisen.

 

Wir haben’s nicht leicht miteinander.

Trotzdem mache ich weiter, sofern andere bereit sind mit einem wie mir, weiterreden zu wollen.