Zwie-Gespräch Nr. 27 (1995), Seite 1 - 10

 

.....ich soll mich entschuldigen......

 

 

Seit Beginn meiner Gespräche mit Personen, die sich als Betroffene der Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit betrachten, wird mir immer wieder - zumeist vorwurfsvoll - die Frage gestellt, warum ich mich nicht entschuldige für "das Leid, das ich bzw. solche wie ich so vielen Menschen zugefügt habe".

Im gleichen Zusammenhang wird festgestellt, daß ich keine Reaktion, kein Mitfühlen, zeige mit dem "Leid Betroffener".

 

Es stimmt, daß ich in dieser Beziehung große Probleme mit mir selbst und anderen habe.

 

Warum ist das so?

 

Ich gehe davon aus, daß mein eigenes Handeln stets nur erklärt werden kann aus der jeweiligen Zeit, den gesellschaftlichen Bedingungen, Ansprüchen und Erwartungen, aus den Wechselbeziehungen, die ich zu anderen Menschen eingegangen war, und aus meinen moralischen und politischen Ansprüchen, die ich mir selbst jeweils gestellt hatte.

 

Das Herauslösen eines der genannten Elemente aus den Motiven meines Handelns sprengt diesen Zusammenhang, halte ich für undialektisch und deshalb für nicht machbar.

Der Einzelne jedoch, der von mir Entschuldigung erwartet, sieht nur sich selbst oder seinesgleichen.

 

Zum Beispiel:

Mich prinzipiell dafür zu entschuldigen, im MfS Dienst versehen zu haben, hieße in der Konsequenz für mich, 1955 eine falsche Entscheidung als 18-Jähriger getroffen zu haben.

Welche Entscheidung stand für mich zu dieser Zeit?

Bist du bereit, etwas für den Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht zu leisten oder nicht?

Ich hätte mich zwar zu diesem Zeitpunkt anders entscheiden können und vielleicht zur KVP (Kasernierten Volkspolizei - Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR) oder zur Volkspolizei gehen können.

Es wäre auch möglich gewesen, einen zivilen Werdegang einzuschlagen, die Schutzaufgabe anderen zu überlassen.

Ich könnte dann jetzt diese Menschen, eingeschlossen Richter und Staatsanwälte und andere vehement für ihr Versagen kritisieren.

Hätte das etwas am Versagen der DDR geändert?

 

Ich stehe selbst in der Reihe der heftigst Befehdeten.

 

Ich hätte angesichts kritischer Erkenntnisse zu auch von mir angewandten Vorgehensweisen - dabei identifiziere ich das Selbst-Getan-Haben mit dem Angewiesen-Haben - und ausbleibenden Ergebnissen, zum immer größer werdenden Abstand zwischen ursprünglichem Anspruch und erlebter und selbst praktizierter gesellschaftlicher Realität, irgendwann das MfS verlassen können; als Abtrünniger, als Verräter, als Kapitulant, als Versager.Es gab nur zwei Welten: unsere oder die andere.

 

Die andere war und ist nicht meine.

 

Ich bin mir im Klaren:

wer bis hier gelesen hat, weiß: die üblichen Allgemeinheiten, die Ausreden, das Verstecken hinter den gesellschaftlichen Zwängen.

Trotzdem weiter.


Mußte es Praxis des MfS sein, das Land DDR mit einem weit gefächerten Netz von Informanten zu überziehen, um zu wissen, was in diesem Lande vor sich geht und  w i e viele Menschen denken und wie ein Teil von ihnen handelt, nämlich diejenigen, bei denen wir konspiratives Handeln gegen die DDR vermuteten?

 

Mußte es sein, daß sogenannte Zersetzungsmaßnahmen in Anwendung kamen, Maßnahmen der Intrige, des Verletzens von Menschen bis zum Versuch, Einzelne gesellschaftlich als Unperson erscheinen zu lassen?

 

Reicht es , diese Fragen mit "nein" zu beantworten?

 

Abstrahiert ein leicht dahingesprochenes "nein!" nicht von den Ursachen und Bedingungen?

Lagen die Ursachen nicht in erster Linie im Unvermögen der DDR-Gesellschaft mit anderen Gesellschaftsauffassungen leben zu können als jene, die wir vertraten?

Andere Gesellschaftsauffassung hieß aber auch Handeln in solchem Sinne!

Bestand für uns nicht das permanente Risiko, von der ökonomisch stärkeren Seite beim geringsten Gleichgewichtsverlust sofort vereinnahmt zu werden?

Deren Wiegengesang bestand in der Melodie vom baldigen Ende der "Soffjetzone". Text und Melodie waren variiert worden, die Grundaussage blieb bis zum Jahre 1989.

 

War unser Mißtrauen in eine Demokratie, die uns gar abwählen könnte, nicht nur zu verständlich?

 

Wenn außerökonomische Regulative - zwar ökonomisch begründet - eine Gesellschaft steuern, wie es bei uns durch die Politik der SED versucht worden war, dann ist das In-Frage-Stellen von Dogmen oder Prinzipien weitaus destabilisierender als in einer Gesellschaft, deren Hauptregulativ das Geld im Ergebnis effizienter oder auch ineffizienter ökonomischer Prozesse ist.

Diese auf dem Wirken des Wertgesetzes fußende Gesellschaft ist gegen ideelle Angriffe prinzipiell weitaus resistenter als es unsere Gesellschaft war; denn spontan praktiziert jeder Warenproduzent Kapitalismus, und der -konsument vollendet diesen Prozeß.

 

Und selbst die Herrschenden dieser Gesellschaft zeigen einen Horror vor allem, was an Sozialismus erinnern kann.

Ist deren Angst schon verständlich, müßten unsere Ängste angesichts unserer permanenten ökonomischen Probleme, Lebensbedürfnisse aller Bürger des Landes befriedigen zu wollen, doch noch verständlicher sein.

Daraus leite ich ab, daß die Forderung nach mehr Demokratie, nach mehr Mitbestimmung, zu den Zeiten, als ich das MfS und die DDR in ihren Anfängen erlebt hatte (ab 1955), zugleich ihr mögliches Ende bedeutet hatte.

Daß wir zu Zeiten, als unser Land möglicherweise seine größte Stabilität hatte - etwa in den siebziger Jahren, keinen Weg gefunden hatten, die an uns gestellten Anforderungen zu erkennen und danach zu handeln:

- auf das Vertrauen und den Stolz des überwiegenden Teils der DDR-Bevölkerung zu bauen und eine breitere Basis zu finden für das Gestalten unseres Landes, für das Benennen von Zielen und Prioritäten, wegzukommen vom Sektierertum, das uns immer wieder so lieb war -

betrachte ich als ein entscheidendes Manko bei unserem Versuch, über den Kapitalismus hinausreichende Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu praktizieren, real existierenden Sozialismus zu leben.

 

Da Entschuldigen gefragt ist, hier muß ich mich entschuldigen für mein Mitversagen am Experiment Sozialismus, das noch mehr als für uns in Europa Hoffnung war für Hunderte Millionen von Menschen auf den anderen Kontinenten, die Hunger, Armut, Krieg als Bedingungen des real existierenden Kapitalismus erlebt haben und erleben und die nun um eine Hoffnung ärmer sind.


Um es an dieser Stelle für einen Teil meiner Gesprächspartner konkreter zu sagen:

ich teile die Auffassung, wonach das Prinzip inoffizieller Arbeit (das Arbeiten mit Inoffiziellen Mitarbeitern) in Betrieben und gesellschaftlichen Einrichtungen dazu beigetragen hat, Anpassung im  negativen Sinne zu befördern, Fehler und Schwächen zwar für uns sichtbar zu machen, aber letztendlich zu konservieren und eine Atmosphäre der Doppelzüngigkeit zu erhalten. Insofern war das oft kontraproduktiv.

 

Das Öffentlichmachen von Problemen und eine Toleranz, andere Auffassung anzuhören und zu prüfen, eine Bereitschaft, eigene Fehler zu gestehen und....und....und...hätte viele unserer operativen Bemühungen gegenstandslos gemacht.

Der Vorwurf, das eigene Volk ausgehorcht zu haben, läßt sich nur schwer entkräften.

Es bleibt sicherlich müßig, die Frage zu stellen, warum das so war und wer schuldig ist.

Fest steht, daß die von unserer Partei, der SED, geprägte Atmosphäre des Nicht-Akzeptierens abweichender politischer Auffassungen - wobei politisch sehr weit gegriffen war - wesentliche Bedingung setzte, sich auf dem von  uns betriebenen Wege sowohl Klarheit darüber zu verschaffen, was und wie gedacht wird, als auch dafür Sorge zu tragen, daß derart "Abweichlerisches" nicht zum Tragen kommen kann.

 

Daß wir uns als Gesellschaft durch das Einengen von Kritik jeglichen Korrektur-Mechanismusses beraubt haben, wurde von mir sehr spät - erst in den achtziger Jahren - erkannt.

Trotzdem oder wegen dieser Erkenntnis gab es vereinzelte Versuche, dem zu begegnen, beispielsweise auch durch von uns praktizierte Öffentlichkeitsarbeit an der Humboldt-Universität.

In mehreren Vorträgen vor den neu immatrikulierten Studenten (Kandidaten und Mitglieder der SED) war von mir in Auswertung zweier Operativ-Vorgänge gegen junge Nachwuchswissenschaftler auf das Problem des öffentlichen Diskutierens gesellschaftlicher Probleme statt des Ausweichens in konspirative Zirkelabende verwiesen worden.

Aber das blieben punktuelle Versuche, die an der Gesamtlage nichts änderten, selbst unter Berücksichtigung, daß diese unsere Hinweise auch Akzeptanz des Ersten Kreissekretärs der Humboldt-Universität gefunden hatten.

 

Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang noch auf zwei Aspekte der Inoffiziellen Arbeit für das MfS.

 

Erstens: im überwiegenden Maße waren die von den IM an uns gegebenen Informationen trotz subjektiver Färbung jeder von einem Menschen wiedergegebenen Wahrnehmung wahre Informationen -  ein  Grunderfordernis der IM-Richtlinien, nur wahre, überprüfte Informationen entgegenzunehmen.

Diesen Fakt, daß zum überwiegenden Teil Wahrheiten uns mitgeteilt worden sind, findet in der heutigen Bewertung inoffizieller Tätigkeit keine Berücksichtigung.

Statt dessen wird, sofern überhaupt geprüft wird, das Moment "anderen Schaden zugefügt" benannt. Wie oft schadet man im Leben einem anderen, indem man etwas Wahres behauptet.

 

Zweitens: es bleibt der Aspekt des Vertrauensbruchs zwischen IM und derjenigen Person, über die berichtet wurde.

Von einem Vertrauensbruch kann doch aber nur die Rede sein, wenn man - gleich aus welchen Gründen - zweierlei Meinungen hat: eine offizielle und eine inoffizielle oder wenn man sich bewußt konspiriert.

Soll mit dem moralischen Verurteilen des IM jetzt das eine oder andere hoffähig gemacht werden?

 

Wenn ja, dann sehe ich keinen Grund das Mitteilen solcher Verhaltensweisen zu verurteilen, weil ich sie für unnötig, zum Teil charakterlich schäbig halte - die zwei Meinungen.

 

Aber wenn nicht, dann ist der Streitpunkt nur noch Öffentlich- Machen oder das Mitteilen ans MfS. Der Unterschied ist zweifellos immer noch erheblich, aber rechtfertigt er das Ausgrenzen eines jeden aus dem öffentlichen Leben dieses jetzigen Landes?

 

Zumal unser Motiv des Erarbeitens solcher Informationen darin bestand, für unser Land und nicht etwa gegen das Volk zu arbeiten.

Im Detail für unser Land hieß aus meiner Sicht:     

für den Erhalt einer Gesellschaft, die jedem Bürger ein Recht auf Arbeit sicherte, in der Arbeitslosigkeit eine Ausnahme war,

das Obdachlosigkeit nicht als notwendige, unabwendbare und tolerierte Begleiterscheinung eines besseren Lebens für die übrige Gesellschaft akzeptierte,

das kaum jemanden so reich werden ließ, daß er ganze Betriebe oder Ländereien nach privaten Interessen nutzen konnte,

dessen Friedensengagement nicht nur den Interessen des eigenen Volkes, sondern aller Völker diente,

das eine Kriminalitätsrate hatte, die es dem Durchschnittsbürger gestattete, auch in der Dunkelheit das Haus zu verlassen oder als Einzelner ohne Ängste in einem öffentlichen Verkehrsmittel zu verkehrsarmer Zeit zu fahren.

Ich bin mir bewußt, daß bis jetzt noch nicht die Frage beantwortet wurde, wo der Platz geblieben ist, sich bei den vielen Betroffenen zu entschuldigen, denen aus ihrer Sicht Leid, manchem viel Leid, widerfahren war.

Aus meinem Versuch, das Allgemeine zu erklären, resultiert auch meine Position zum Besonderen, zum Einzelnen, zu den Gruppen Betroffener, wobei ich mit dem Begriff Betroffene diejenigen meine, die Gegenstand unserer Aktivitäten in den Politisch-operativen Arbeitsprozessen gewesen sind.

Auf keinen Fall setze ich ihn gleich mit dem heutigen verallgemeinerten  Opferbegriff.

Es erwarten frühere Antragsteller auf Übersiedlung, daß ich mich bei ihnen entschuldige für das, was ihnen widerfahren war.

 

Ich fasse dieses Anliegen so auf, daß ich mich entschuldigen soll,

für die Politik der DDR, keine gesetzlichen Regelungen zu dieser realen gesellschaftlichen Problem gehabt zu haben und für das Handeln des MfS und damit mein eigenes, mit administrativen Mitteln dem begegnen gewollt zu haben.

Sollte ich mich für alles und damit bei allen entschuldigen, hieße das zu akzeptieren, daß uns Bürger verlassen wollten und haben, die über Jahre oder Jahrzehnte die Sozialleistungen der DDR genutzt haben, um sich danach dorthin zu wenden, wo sie meinten, noch besser leben zu können.

Dieser Anspruch war aber gleichzeitig auch damit verbunden, daß uns mit der scheinbaren Lösung des Einzelanliegens neue Probleme für die Allgemeinheit aufgebürdet wurden:

uns fehlte der konkrete Mensch, er hinterließ eine Lücke am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundeskreis.

Und es waren vorgezeichnet die zukünftigen Wünsche nach weiteren Familienzusammenführungen u.ä. - die Probleme potenzierten sich.

Das ging mir wiederholt durch den Kopf, wenn ich Entscheidungen (Entscheidungen im Sinne einer Mitsprache durch Diensteinheiten des MfS) zu dieser Problematik zu treffen hatte.

Und noch problematischer waren Entscheidungen in jenen Fällen des Antragstellens durch Ärzte. Ich verstand nicht, wie man wegen des Erwartens besserer Lebensbedingungen seine Patienten im Stich lassen kann.

Dieses Problem hatte ich seit dem Jahre 1959, als ich für die Sicherung der Charitè, des damaligen klinischen Bereichs der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität,  verantwortlich gemacht worden war.

Das gleiche Unverständnis hatte ich auch bezüglich von drei Ärzten in Berlin-Treptow in den Jahren 1985/86, als diese ausreisen wollten, zumal uns in einem Fall definitiv bekannt war, daß der behauptete Grund der beabsichtigten Pflege des Großvaters ein den tatsächlichen Gegebenheiten widersprechender Vorwand war.

 

Fragen sich jene, die uns in dieser Beziehung ein Verletzen von Menschenrechten vorwerfen, ob das Recht auf eine medizinische Behandlung durch diese Ärzte nicht gleichfalls ein Menschenrecht ist? Ein Menschenrecht für diejenigen, die diesen Ärzten die Ausbildung bezahlt hatten.

 

Wo bleibt der Eid des Hippokrates, wenn die Beziehungen Arzt-Patient auf reine wohlstandsbezogene Geldbeziehungen, also letztlich das Niveau von Warenbeziehungen reduziert werden?

 

Warum haben die Kirchen der DDR dann nicht auch ihre Seelsorger ungehindert dort hin abwandern lassen, wo sie sicherlich mehr Geld und Geld mit höherer Kaufkraft für bestimmte materielle Werte und eine wohlwollendere Akzeptanz durch den Staat erlangt hätten?

Hatte man dort nicht ähnliche Bedenken?

 

Mich heute zu entschuldigen für ein konkretes Tun auf diesem Gebiet würde bedeuten zu sagen: es war rechtens, um des eigenen Vorteils Willen dieses Land zu verlassen und ihm neue Probleme damit zu bereiten.

Ich sah darin stets ein Handeln im Sinne des westdeutschen Staates, der dieses Vorgehen nach besten Kräften unterstützt hat, weil er sich bewußt war, die ungeliebten Brüder und Schwestern im Osten weiter in Bedrängnis und irgendwann zum Kapitulieren zu bringen. Und es war auch gelungen.

Und war es nicht die Philosophie der Beziehungen beider Gesellschaftssysteme zueinander: was dem einen schadet, nutzt dem anderen?

Verständnis habe ich für jene Menschen, denen aus der Teilung Deutschlands familiäre Probleme erwachsen waren.

Zweifellos noch größere Probleme hatten jene Menschen, die Partnerbeziehungen eingegangen waren; die entweder an den Gegebenheiten zerbrachen oder deren Verstehen unserer Politik zerbrach, weil man sie nur bei uns zueinander ließ, nicht aber den DDR-Partner in den Westen. Oder wenn, dann nur um den Preis des Bruchs mit der DDR und allem, was ihn hier einmal gebunden hatte.

Einem solchen Schicksal begegnete ich in  der Gesprächsrunde in  der Bekenntnis-Kirche in Berlin-Treptow.

Die Position zu beziehen, revolutionäre Vorgänge erfordern ihre Opfer, mag den "Revolutionär" vorerst beruhigen, nicht aber den Opfernden. Und letztlich bleibt dem "Revolutionär" haften, inhuman zu sein.

Ich glaube, derartige Praxis unserer Gesellschaft und des Mittuns durch mich kann man nicht rechtfertigen, erklären schon.

 

Weiß jemand einen Ratschlag, was ich hätte 1970 oder 1980 entscheiden sollen, wenn ich’s zu entscheiden gehabt hätte?

 

Ist bei aller Tragik des Einzelnen (oder der beiden Partner und der mit ihnen verbundenen Familien und Freunde) nicht trotzdem die Frage zu stellen, wie anders?

Was diejenigen betrifft, die gewaltsam die Staatsgrenze durchbrochen haben, sehe ich die Motivlage fast ähnlich den Antragstellern, aber der Weg war eindeutig  kriminelles Handeln: sie erfüllten mit ihrem Tun Tatbestandsmerkmale des Strafgesetzbuchs  der DDR und waren somit Straftäter.

Soziologische Erkenntnisse zu diesen Tätern - sofern solche existieren (sozialer Stand, Bildung, Vorstrafen, soziale Auffälligkeiten, Motive....) - sind mir nicht bekannt; ich war auch nicht mit Untersuchungsergebnissen zu Getöteten oder Verletzten befaßt, habe insofern geringe Kenntnisse.

Jedes Opfer an der Grenze hat uns berührt, wegen der menschlichen Tragik und wegen der Tatsache des politischen Schadens für unsere Gesellschaft.

Für mich muß ich sagen: es war aber auch nicht mehr.

Jeder war tatsächlich ein Straftäter, und ich ging davon aus, daß er sich mit diesem Handeln mit erheblicher krimineller Energie über die Gesetze der DDR hinwegsetzt und vermutete deshalb auch kaum ein wesentlich anderes Motiv als beispielsweise bei S-Bahn-Surfern - nur diese stellt kaum jemand als Opfer eines Systems dar.

 

Ein jeder Täter war sich auch voll des Risikos bewußt, das Leben womöglich zu riskieren. Er handelte trotzdem.

Ich habe mit diesen Menschen nicht mehr Mitleid empfunden als mit jenen, die im trunkenen Zustand bei Glatteis gegen den Baum rasen oder die bei einem Bankeinbruch ihr Leben lassen.

 

Von Personen, die Spionage gegen die DDR betrieben haben oder die wegen Erpressung, Sprengens einer Telefonzelle, einem angedrohten Giftanschlag u.ä. von mir inhaftiert worden waren, bin ich bis heute noch nicht aufgefordert worden, mich zu entschuldigen.

 

Eine besondere Problematik ist für mich der Umgang, auch mein Umgang mit Personen, die von uns und von mir wegen Handlungen operativ bearbeitet worden waren, die wir als "Politisch-ideologische Diversion oder/und Politische Untergrundtätigkeit" beurteilt hatten.

Abgesehen davon, daß weder die diesbezüglichen Straftatbestände im StGB noch die Dienstanweisungen im MfS von mir initiiert worden waren - beides gehörte zum Rechtssystem der DDR, habe ich dem DDR-Recht auch in dieser Hinsicht mit Geltung verschafft.

 

Wir waren uns voll bewußt, daß es ein politischer Auftrag war, in diesem Sinne tätig zu werden, und erfuhren auch immer wieder, daß das Handhaben des Rechts vordergründig politisch getragen war.

Wir erlebten auch stets aufs Neue, was geht, und was nicht geht,

nicht nur bezogen auf Entscheidungen innerhalb des MfS, sondern auch auf Rücksichtnahmen im Innern und außerhalb des Landes.

Insofern bargen nicht wenige "zentrale Entscheidungen" für mich und für uns (als Bezirksverwaltung Berlin) immer wieder Überraschungen:

seien es Entscheidungen Ende der siebziger Jahre zu zwei Operativ-Vorgängen gegen Nachwuchswissenschaftler (OV "Kreis" und OV "Opposition") gewesen, die entgegen unserer Gewißheit zur Beweislage nicht zu strafrechtlichen Konsequenzen geführt hatten,

 

sei es der Zugriff auf die Umweltbibliothek im November 1988 oder

 

das Vorgehen gegen einige Schüler der Ossietzky-Oberschule in Pankow gewesen.

Im Fall letzterer ging die Initiative nicht von unserem Ministerium aus.

Wir erfüllten politische Weisungen zur operativen Kontrolle der betroffenen Schüler und einiger Eltern. Politische Bedenken unsererseits blieben auf Diskussionen innerhalb der Linie XX beschränkt; Versuche einer Schadensbegrenzung für die Schüler auf Bezirksebene scheiterten am straffen Regiment in der Volksbildung.

 

Vom Grundsatz her sah ich in den Handlungen von Personen, die wir der Politischen Untergrundtätigkeit bezichtigten, in den überwiegenden Fällen das objektiv gegebene Risiko, daß jeglicher Versuch des Änderns der Verhältnisse in der DDR zugleich diejenigen aktiviert hätte, die das Beseitigen der Verhältnisse in der DDR betrieben hatten.

Allein die fast tägliche Aufmerksamkeit der Nachrichtenredaktionen bundesdeutscher Medien deutete auf das Interesse an diesem Geschehen und die Sympathien für nicht wenige der bei uns Agierenden.

 

Selbst dem politisch Unbedarften mußte klar sein, daß dieses Interesse nicht einem verbesserten Sozialismus, sondern einer zum Scheitern verurteilten DDR galt.

 

Wenn mir heute die Aussage einiger damalige Oppositioneller begegnet, den Kapitalismus nicht gewollt zu haben und ihn auch heute noch abzulehnen, dann bleibt aus meiner Sicht nur der Vorwurf des politischen Leichtsinns übrig, wenn sie trotzdem dazu beigetragen haben, die DDR zu beseitigen.

Im gleichen Atemzug muß ich jedoch deren Vorwurf akzeptieren, die kritischen Auffassungen dieser Menschen eben negiert zu haben.

 

Ich hielt die Existenz einer mit vielen Mängeln behafteten DDR immer noch für besser als keine DDR.

 

Allerdings darin unterscheide ich mich von manchem früheren DDR-Kritiker. Trotz der scheinbar größten Gegnerschaft bei politischen Auffassungen und dementsprechendem Handeln sehe ich die größten ideellen Berührungspunkte zwischen meinen Auffassungen und denen mancher Oppositioneller in diesem Bereich, nicht bei Antragstellern, Grenzverletzern, schon gar nicht bei übrigen Straftätern.

In diesem Bereich sehe ich für mich die einzige Wahrscheinlichkeit, nach Gesprächen mit damals betroffenen Bürgern zur Auffassung gelangen zu können, mein damaliges Vorgehen war unter diesen Verhältnissen politisch oder moralisch falsch.

 

Für fast ausgeschlossen halte ich, zur Erkenntnis zu gelangen, gegen Rechtsnormen der DDR verstoßen zu haben; wenn ich von dem alten Streitpunkt absehe, ob das Abhören von Telefongesprächen oder das Lesen von Postsendungen gemäß geltenden Weisungen innerhalb des MfS rechtens war oder nicht.

 

Was ich heute als Arroganz der Macht ansehe, war damals eine der Ursachen dafür, daß schließlich von der DDR nichts mehr zu erhal­ten war, obwohl es in der Opposition auch ernsthafte Bemühungen um den Erhalt des Bewahrenswerten gab.

 

Diese Niederlage haben demzufolge wir als damalige Funktionäre der SED und des Staates im wesentlichen zu verantworten, wenn ich davon ausgehe, daß wir nichts unterlassen haben, unsere Schwächen zu konservieren und zu pflegen, auch oder gerade auf politischem Gebiet, obwohl wir ökonomisch schon genügend zu knabbern hatten.

 

Daß wir als ehemalige MfS-Angehörige bezüglich des Konservierens der Schwächen der DDR eine größere Verantwortung zu tragen haben als viele andere, ist für manchen von uns schwer einzusehen, und demzufolge trägt sich das heutige Los noch um etliches schwerer.

 

Hinzu kommt, daß meine Erkenntnisse zur Mehrzahl der von uns operativ bearbeiteten Personen der Gestalt waren, daß ich sie mir nur schwer als Bündnispartner vorstellen konnte:

 

- Ein erheblicher Teil von ihnen ging keiner geregelten Arbeit

nach.

Im Unterschied zu meinem heutigen ähnlichen Schicksal konnte man seinerzeit arbeiten, sofern man wollte.

In diesem nach meiner damaligen Auffassung fehlenden oder mangelhaften Engagement in der Arbeit sah ich ein bedeutendes Hemmnis für gesellschaftliche Akzeptanz.

Ich war und bin der Meinung: wer sich in der DDR nicht im Arbeitsprozeß zu beweisen versucht hatte, konnte wenig gesellschaftliche Geltung beanspruchen.

Die wenigsten waren in der Lage, ein Familienleben zu führen.

Das waren für mich schon bedeutsame Faktoren beim Beurteilen dieser Menschen und ihrer Handlungen.

- Die von mir zum Teil als Besserwisserei aufgefaßte Kritik an

zahlreichen Elementen unserer Politik führte zu der Erkenntnis, daß ich mich von solchen Menschen auf keinen Fall einmal regieren lassen wollte.

Nicht wenige ihrer Kritikelemente waren zwar mitunter zu akzeptieren und trafen eigene Denkweise und Erfahrungen.

Aber wenn ich mir vorstellen sollte, daß uns Menschen das Regieren beibringen wollten, die selbst so wenig Beispielhaftes an sich hatten, in nicht wenigen Fällen kaum Autorität in den eigenen Reihen, so schied für mich jegliche   politische Akzeptanz trotz Gleichheit mancher Gedanken aus.

Ich habe auch heute den Eindruck:

das Opposition-Sein liegt einigen von ihnen mehr als das mögliche Tragen von Verantwortung in einer gesellschaftlichen Funktion.

Als einige der früher unter meiner Verantwortung bearbeiteten Personen nach dem Herbst 89 gesellschaftliche Verantwortung in Parlamenten, staatlichen Institutionen oder gesellschaftlichen Organisationen zu tragen begannen, stellte ich fest, daß es mitunter nicht wesentlich anders geschah als zu unseren Zeiten.

 

Die Forderungen nach Toleranz oder differenzierter Beurteilung waren plötzlich vergessen. Es war manch Revoluzzerhaftes dabei, aber das hat im täglichen politischen Leben keinen Bestand.

Das soll auf keinen Fall ein Pauschalurteil sein.

Es gibt gleichermaßen Menschen aus dieser ehemaligen Opposition, die Größe bewiesen haben und weiterhin beweisen und sich im Sinne ihrer Ideale einsetzen, dabei Charakter und Mut demonstrierend.

Ich muß mir selbst vorwerfen, solche Unterschiede vorher unzureichend erkannt zu haben.

Aber wenn es tröstet: auch im Beurteilen der eigenen Mitarbeiter gibt es nach der Wende viele neue Erkenntnisse, sowohl positive als auch negative - oft unerwartet.

Das Fehlen eines breiten demokratischen Bündnisses aller antikapitalistischen Kräfte in der DDR und darüber hinaus, das Verprellen von Menschen, die trotz ihrer Distanz zu manchem unserer DDR-Realität uns näher standen als dem kapitalistischen Westen, halte ich für eines unserer Grundübel.

 

Kann ich diese bedauerliche Realität und meiner Mitverantwortung mit dem Begriff Schuld erklären?

 

Muß es für das vorläufige Mißlingen unseres Experiments Sozialismus die Kategorie "Schuld" geben?

 

Muß ich mir nicht erst einmal darüber klar werden, wie der antikapitalistische oder sozialistische oder kommunistische Versuch einer Umgestaltung der Gesellschaft hätte erfolgreich gestaltet werden müssen, um dann bestimmen zu können, was ich anderes hätte tun müssen.

 

Erst wenn ich mir darüber klar bin, was ich auch hätte tun 

k ö n n e n, sehe ich Raum für die moralische Kategorie Schuld.

Ich will mit dieser Überlegung diejenigen meiner früheren politischen Gegner ansprechen, die für sich in Anspruch nehmen, nicht-kapitalistische Verhältnisse gewollt zu haben und heute noch zu wollen.

 

Gegenüber allen anderen, die Kapitalismus wollten und nun auch wieder erhalten haben, sind mir Vorwürfe zu etwaigem Verschulden weitaus ferner.

 

Um abschließend noch eines deutlich zu machen:

sicherlich erwarten auch diejenigen DDR-Bürger von mir eine Entschuldigung, die als Mitarbeiter oder Funktionäre in staatlichen Stellen oder Betrieben und Einrichtungen Verpflichtungen zum Unterlassen von Westkontakten, zur Geheimhaltung von Wissen oder ähnlichem verpflichtet waren und zu denen wir durch Kontrollmaßnahmen Verletzungen ihrer Verpflichtungen festgestellt hatten.

 

Heutzutage erfährt ausschließlich unser Handeln der Kontrolle und aus solchen Erkenntnissen resultierende Konsequenzen eine Wertung.

Daß derjenige wortbrüchig war und seinen Betrieb oder Einrichtung betrogen hatte, wird als selbstverständlich akzeptiert.

 

Für solchen Kleinmut habe ich nur Verachtung.

 

Ihnen fehlte jegliche Courage, sich zu etwas zu bekennen und dann auch danach zu handeln, zu leben.

 

Sie besitzen die fast beneidenswerte Selbstsicherheit (um nicht das aggressive Wort Unverfrorenheit zu gebrauchen), für ihr eigenes Versagen schließlich noch diejenigen verantwortlich zu machen, die es erkannt und deutlich gemacht haben.

Sie monieren die angewandten Mittel und Methoden ihres Enttarnens als Opportunisten, nicht ihren Opportunismus.

Wir haben manchem die "Karriere" unterbrochen, das traf ihn!

 

Eine letzte Bemerkung zum oft diskutierten Anliegen Versöhnung:

Ich selbst habe bei den von mir gesuchten Gesprächen in keinem Fall Versöhnung gesucht, weil mir scheint, daß dieses Phänomen das Anliegen meiner Beteiligung an derartigen Gesprächen nicht trifft.

Ich wollte stets die Ursachen von Differenzen zwischen mir und anderen deutlich machen.

Versöhnung interpretiere ich als ein Verwischen von Problemstellungen, sie ist ein "Waffenstillstand", die Ursachen der Konflikte werden nicht sichtbar, sie können auch nicht beseitigt werden.

Muß sich Kurt Zeiseweis entschuldigen?

Ja!

für den auch von ihm getragenen Mangel an Toleranz;

für die völlig unzureichende Bündnispolitik der DDR-Gesellschaft;

für Erscheinungen der Arroganz der Macht;

für den teilweisen Verrat des eigenen Anspruchs, eine humanistischer Welt zu gestalten;

für Erscheinungen des Verheimlichens, Lügens.....des Fälschens;

für den vorläufigen Tod einer Hoffnung.

 

Er entschuldigt sich nicht für die Teilnahme am vorerst mißlungenen Experiment Sozialismus.