ZWIE - GESPRÄCH NR. 20, Seite 31 - 32

 

 

Leserbrief:

 

Ich habe im Dezember die Hefte 1 bis 18 der "ZWIE-GESPRÄCHE" erworben und sie alle mit wachsendem Interesse gelesen. Zu meinem Erstaunen habe ich eine Vielzahl meinen eigenen Auffassungen entsprechenden, ihnen nahekommenden oder doch wenigstens nachvollziehbaren und damit bedenkenswerten Ansichten entdeckt. Nur zu zwei Beiträgen möchte ich offenen Widerspruch anmelden:

 

Erstens: Herbert Brehmer "Antisemitismus im Geheimdienst" im Heft 3:

 

Wolfgang Hartmann hat dazu in seinem Leserbrief im Heft 7 bereits Notwendiges ausgeführt. Auch meine persönlichen Erfahrungen stützen die Ansichten Herbert Brehmers nicht. Mein ehemaliger unmittelbarer Vorgesetzter, der Leiter der Hauptabteilung XX, Generalleutnant Kienberg, war ebenso jüdischer Abstammung wie eine meiner engsten und fähigsten Mitarbeiterinnen. In beiden Fällen war ihre Herkunft allgemein bekannt, spielte aber in unserem Umgang miteinander überhaupt keine Rolle. Ich betrachte es als Ausdruck bewältigter Vergangenheit, wenn eine solche Normalität existiert, die übrigens Ignaz Bubis in Reaktion auf die provozierende Frage, ob seine Heimat nicht Israel sei, vehement einklagte: er sei ein Deutscher wie jeder andere Deutsche auch.

 

Die Hauptabteilung XX hat bei der Aufklärung antisemitischer Schmierereien, der Verfasser von entsprechenden Hetz- und Drohbriefen, bei einschlägigen Grabschändungen usw. mit der gleichen Konsequenz gearbeitet, wie bei analogen Vorkommnissen der Verbreitung und Umsetzung faschistischen Gedankengutes im engeren Sinne. Die kleine, nur ca. 1. 500 Personen umfassende Jüdische Gemeinde in der DDR stand unter dem besonderen Schutz des MfS und speziell der Hauptabteilung XX. Auch geringfügigste sicherheitspolitische Anliegen wurden mit größter Aufmerksamkeit und Korrektheit behandelt.

 

Zweitens: Sigmar Faust "Freier Umgang mit der Unfreiheit?" im Heft 16:

 

Der im Heft 18 angemeldete Gesprächsbedarf von Dieter Mechtel entspricht auch meinen Überlegungen. Ich halte es darüber hinaus im fünften Jahr nach der Wende für erforderlich, eine Bilanz zu ziehen, was an den ungeheuerlichen Anschuldigungen gegen Verantwortungsträger der DDR und speziell des MfS Ausfluß einer gelenkten Haßpropaganda und was tatsächlich belegbar ist. Gerade deshalb ist bekanntlich das Insiderkomitee zur Aufarbeitung der Geschichte des MfS gegen eine Schließung der Akten. Wer keine Lynchjustiz will, muß zumindest bestimmen, was anzuklagen ist, wer dafür seiner Ansicht nach Verantwortung trägt und nach welchen Maßstäben geurteilt werden soll. Wer von 100 000 Menschenopfern spricht, sollte sich wenigstens die Mühe machen zu erklären, von welchen Opfern er spricht und wessen Opfer diese Menschen sein sollen. Er sollte sich auch dazu äußern, ob allgemein anerkannte Normen des internationalen Rechts, wie Rückwirkungsverbot, individueller Schuldnachweis, Recht auf Verteidigung usw. von ihm akzeptiert werden.

 

Dazu wird noch vieles zu sagen sein. Eines möchte ich aber sofort richtig stellen: Josef Kneifel, der Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt, eignet sich nicht zum Sockelhelden. Kneifel hat seinen Sprengstoffanschlag auf ein Denkmal der Befreiung vom Faschismus nicht wie Herr Faust behauptet, nachts um halb drei, zu menschenleerer Zeit, verübt, sondern kurz vor 22.00 Uhr. Wie er selbst nach der Wende gegenüber der "Berliner Zeitung" erklärte, sei er davon ausgegangen, daß alle Bürger einen bekannten Krimi im Westfernsehen anschauen würden. Den Tod zufällig vorbeikommender Passanten nahm er also ebenso in Kauf, wie den von Volkspolizisten, die vor ihrer in der Nähe liegenden Dienststelle das abgesprengte Kettenglied fanden und nur zufällig in dieser Zeit keine Wachablösung durchführten. Auch der Diletantismus Kneifels entschuldigt ihn nicht, konnte er doch umso weniger die Wirkung seines selbstgefertigten Sprengsatzes beurteilen.

 

Gibt es nun gute und böse Terroristen? Ist die Anwendung terroristischer Methoden nicht in jedem Gesellschaftssystem abzulehnen? Auch als Folteropfer ist der Terrorist Kneifel mit Vorsicht zu behandeln. Selbst seine eigenen Schilderungen, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, wie sie z.B. im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" nachzulesen waren, geben genügend Anlaß zum Nachdenken. Kneifel rühmt sich u.a., daß er jeden Tag seiner Haft damit beschäftigt war, seinem Wachpersonal das Leben zur Hölle zu machen. Unter ständigen Provokationen erwähnt er z.B., daß er eigens ein penetrant stinkendes Gemisch aus Blut und Urin angefertigt und damit seine Wärter bespritzt hätte.

 

Auch Angehörige des Strafvollzuges sind nur Menschen, müssen sie sich noch bei Kneifel entschuldigen, daß er sie mit dieser widerwärtigen Mischung bespritzen "mußte"? Hätte er nicht in jeder Haftanstalt der Welt Schwierigkeiten bekommen? Subjektive Empfindungen reichen zum Urteilen und Verurteilen nicht aus, beziehen wir uns lieber auf beweisbare Tatsachen und ihre objektive Würdigung in be­ und entlastender Richtung.

 

Wolfgang Schmidt, Berlin, Mitarbeiter des MfS seit 1957, zuletzt Oberstleutnant und Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX