Zwie-Gespräch Nr. 17 (1993), Seite 15 - 24

 

Wolfgang Hartmann:

immer noch: "Ja, aber"
oder
Der arge Weg der Erkenntnis

 

 

Als eine "charakteristische Erscheinung" beobachtet und kritisiert Dieter Mechtel[1] eine Art Rechtfertigungsmuster vieler von uns "Ehemaligen" im kritischen Umgang mit (tatsächlichen und mit vermeintlichen) negativen Erscheinungen der DDR-Geschichte und des Versuches einer soziali­tischen Alternative. "Ja": unangenehme negative Tatsachen werden eingeräumt; mit "aber" werden sie dann unter Hinweis darauf relativiert, daß - man erlaube mir die zweideutige Ironie - auch woanders, insbesondere in der Alt-BRD, mit Messer und Gabel gegessen werde.

 

Vielen der sehr sensiblen Überlegungen Dieter Mechtels zur Kritik der Relativierung stimme ich zu. Ich werde meine eigenen Gründe nennen. Indessen verbleiben Anfragen nach den Ursachen dieser Erscheinung, nach offenkundig doch sehr unterschiedlichen Bezügen des "Ja, aber", sowie ein wichtiger Einwand.

 

Auch ich bin der Ansicht, daß wir bei uns selbst beginnen müssen. Und zwar bei jenen Ansprüchen, unter denen wir angetreten waren, "etwas Neues hinzubauen"[2] . Etwas anders als Dieter Mechtel akzentuiere ich: Wir müssen uns an unseren eigenen Idealen selbst messen (und nicht nur messen "lassen"). Wir leisten das Eigene nicht, wenn wir uns passiv nur messen lassen. Tragen wir dann nicht ein Stückchen zu dem bei, was als ungerecht empfunden wird? Überlassen wir nicht das Feld auch solchen, denen es gar nicht wirklich um kritischen Umgang mit der gesamten Geschichte geht, die sich nicht für unser Lernen interessieren, sondern die als Sieger soziale Revanche, eine Demütigung, gar Rache wollen?

 

Ich bin nicht für Lamentieren an der Klagemauer, sondern für Selbstbewußtsein. Falls wir uns denn tatsächlich als Linke verstanden haben und weiter Linke bleiben wollen: Dürfen wir dann jener Forderung ausweichen, die Marx - als dessen Enkel wir uns doch gern sahen - erhob?:

 

"Die soziale Revolution ... kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat. ...

Proletarische Revolutionen ... kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen:

Hic Rhodus, hic salta!  Hier ist die Rose, hier tanze!"[3]

 

Ich beginne mit einem prinzipiellen Einwand zu Dieter Mechtel. Er schreibt zwar, es sei schon notwendig, "die Geschichte der DDR und der BRD in ihrer gegenseitigen Bedingtheit und im welthistorischen Kontext zu bewerten". Aber nimmt er nicht diesen ganzheitlichen Anspruch zurück, wenn er den DDR- und BRD-Bürgern eine sozusagen jeweils eigene wirkliche Kritik-Kompetenz zuspricht ("in erster Linie", "Ich fühle mich moralisch dazu nicht berechtigt, ich habe dort nicht gelebt")? Ob West- oder Ostdeutsche: wir alle müssen uns der ganzen deut­schen Ge­schichte stellen. Deren Ganzheitlichkeit kann nicht mit einer Addition jeweiliger west- und östlicher "Aufarbeitung" hergestellt werden. Die gewiß aus unterschiedlicher Erfahrung, unterschiedlichem Beteiligtsein rührenden Schwierigkeiten und "Kompetenzen" heben die Forderung nicht auf. Folgten wir dem Grundsatz "getrennter" Aufarbeitung, blieben dann in dieser Logik die Jüngeren nicht davon entbunden, immer wieder neu über die von Deutschen begangenen Jahrhundertverbrechen verantwortlich nachzudenken, da sie doch damals  - "dort" - noch nicht lebten? Außer Dr. Kohls "Gnade der späten Geburt", die gefährlich auf eine  Leugnung der anhaltenden historischer Verantwortung hinausläuft, reproduzierte sich dann noch die "Gnade des Geburtsortes" und einer danach privilegierten Urteilskompetenz.

 

Wenn wir - Manfred Kossok folgend - mit der "Befragung des eigenen Tuns" beginnen, dann war und ist es doch immer ein Tun unter den Bedingungen der faschistischen Vorgeschichte, des real existierenden Kampfes zweier Weltsysteme, darin der deutschen Spaltung, sowie der heutigen Interessen.

 

Die genannten historischen Bedingungen hatten Folgen für die Härte und die Exzesse des Kampfes, der sich stets durch individuelles Handeln vollzieht.

Haben wir ein Recht, Brechts Weisheit zu ignorie­ren, der in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen" schrieb:

"...

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut,

In der wir untergegangen sind,

Gedenkt,
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht,

Auch der finsteren Zeit,

Der ihr entronnen seid.

 Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die
            Länder      wechselnd,

Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt,

Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir,

Die wir den Boden bereiten wollten für
                Freundlichkeit,
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird, daß der 

Mensch dem Menschen ein Helfer ist,
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht."
[4]

Seit ich Brechts Verse zum ersten Male las, versuchte ich sie als Mahnung zu beachten. Ich möchte aber nicht so selbstgerecht sein mir einzubilden, damit sei die konstatierte historische Spannung aufgehoben und für mich wirkungslos geworden.

 

Das "Ja, aber.." hat viele Bedeutungen und Facetten. Wir wollen ihnen nachspüren.

 

1.

"Ja, aber" - ist bei vielen, die sich seiner bedienen, wohl weniger eine echte Relativierung, sondern ein spontaner Verteidigungsreflex . Er spiegelt in einer -  oft noch unkritischen -  Weise Brechts Beobachtung für sie selbst wider.

 

Dürfen wir davon absehen, daß es sich bei vielen Betroffenen um ein reales Moment ihrer eigenen konkreten Sozialisation handelt, die z.B. in KZ und in der Emigration stattfand? Und die sich teilweise auf die Folge-Generationen vererbte?

Ich selbst hatte unter den Nazis - sieht man von den Kriegswirkungen ab - nichts erlitten. Aber ich war empfindsam genug nachzuerleiden, was meine politischen Väter in Buchenwald und Auschwitz erlitten, in der Emigration in der Sowjetunion, in Frankreich, China, Israel und Mexiko erlebten und in den Schützengräben Spaniens, im Maquis in Frankreich und an anderen Orten bestanden. Ich hatte auch verstanden, daß all das nicht nur passive persönliche Leidengeschichten waren, sondern Momente der Durchsetzung rassistisch, chauvinistisch und antikommunistisch legitimierter deutscher Machtinteressen und des mutigen Widerstandes. Einen Teil der Härte und Konsequenz meiner politischen Väter habe ich bewußt übernommen. In Auschwitz und im Ghetto Warschaus, in Buchenwald, Dachau und Mauthausen, am Blockade-Denkmal in Leningrad - als Besucher nach 1945 - habe ich sie bekräf­tigt.  

 

Übrigens sollte beim Räsonieren nicht vergessen werden, daß die Kommunisten - natürlich nicht nur sie - selbst sehr hart im Nehmen waren. Ihre Härte war Bedingung ihrer Überlebensfähigkeit im Faschismus. Den Menschen aus diesem Holz ist die heute nicht seltene Larmoyanz fremd.

 

Außerdem: Die Welt ist keine Idylle. Nur in einem Pensionat für höhere Töchter ist die Welt so idyllisch, daß dies ohne Heuchelei geleugnet werden dürfte.

 

Wird der spontane Verteidigungsreflex - was ihn nicht besser macht, aber verstehbar - nicht geradezu provoziert, wenn eine zwar nicht definierte, aber konkrete individuelle Schuld und Schuldfähigkeit als per se gegeben offen behauptet oder suggestiv unterstellt wird? Mit Kollektivschuld-Konstruktion wird die individuelle Präsumtion der Unschuld ausgehebelt, die bis zum Beweis des Gegenteils gilt.

 

Vielleicht ist noch anzumerken, daß mit den pauschalen Schuldabforderungen ein Gestus der Arroganz einhergeht, welcher den individuellen "Tätern" (schon dieser Begriff setzt suggestiv eine Kriminalisierung voraus!) eigene Ideale, eigene lautere Motive, eigenes lauteres Verhalten und das Recht auf Irrtum und Lernen abspricht.

 

Als Angehöriger der Nachkriegsgeneration ist mir noch gut in Erinnerung, wie vehement und "fürsorglich" seinerzeit im deutschen Westen jegliche Kollektivschuld der Deutschen oder der Angehörigen der Nazi-Partei oder der SS zurückgewiesen wurde, angesichts von Auschwitz und deutscher Aggressionskriege...

Sollte wirklich unzulässig sein fragen: "Ja, aber: waren nicht von sechs deutschen Bundespräsidenten drei Mitglieder der NSDAP?"

Wem fällt, angesichts gewisser tatsächlicher - nicht zugeschriebener! - Kontininuitätslinien nicht die Heuchelei auf? Das ist auch deutsche Geschichte, sehr gegenwärtige sogar. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" (Brecht), wir sehen es doch nicht erst seit Mölln und Solingen.

 

2.

"Ja, aber" ist bei anderen, die sich seiner bedienen, keine Relativierung, sondern nur eine Anmahnung an Integrität bei der Beschreibung und Wertung dieser nichtidyllischen ganzen Welt.

Gegen die DDR gibt es groteske Vorhaltungen. Selbst "Messer und Gabel" möchten ihr verwehrt sein. Eine der typischen und nicht zufälligen Grotesken ist die Strafverfolgung der Leute von der Spionageabwehr der DDR. Im Nachhinein wird - als ob es z.B. den Grundlagenvertrag DDR-BRD nicht gegeben hätte - sogar mit dem Vorwurf des "Landesverrats" (!) - der DDR  das Recht aberkannt, nicht nur selbst gegen die BRD Spionage betrieben zu haben, sondern sogar die bundesdeutsche Spionage gegen sich abzuwehren![5]  

"Ja, aber..." ist in diesem Kontext keine Relativierung, sondern die Abwehr einer dreisten Geschichts- und Rechtsverfälschung. Deren Methode ist ja nicht ohne Interessen und Eigennutz. Man kann sich nur freuen, daß sie auch "im Westen" auf prominente Kritik stößt, wenngleich bislang wenig wirksame. "Ja, aber" enthält in diesem Kontext den zulässigen Hinweis auf die Pharisäer: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Umgang mit der Geschichte verlangt von allen Teilnehmern den Verzicht auch Heuchelei. Das ist keine "Berufung" auf den "gestern noch bekämpften" Gegner. [6])

 

3.

"Ja, aber" ist ferner für viele berechtigter Widerstand gegen jene Verfälschung der DDR- bzw. Sozialismuswirklichkeit, die nur Formen, Erscheinungen heraushebt, während angestrengt politische Inhalte verdrängt, gar tabuisiert werden. Beispiel: Bei aller berechtigten Kritik an den unzureichenden subjektiven politischen Bürgerrechten wird bemüht ausgeblendet, tabuisiert, daß es sich bei den subjektiven sozialen Menschenrechten und ihrer materiellen Gewährleistung völlig anders verhielt. Im günstigsten Falle findet statt des Blickes auf das Ganze, auf seine Widersprüchlichkeit und Vielgestaltigkeit eine Selektion von Tatsachen und Gegebenheiten statt. Im schlimmsten Fall wirkt das Prinzip der Boulevardpresse: "Alles darf falsch sein, nur die Namen müssen stimmen."

 

4.

Mit "Ja, aber" erfolgt ein Bestehen darauf, daß der DDR als souveränem Staat - der ein Produkt historischer Prozesse und nicht das su­jektive Spiel irgendwelcher Bösewichter war - das legitime Recht des Schutzes ihrer verfassungsmäßigen Ordnung und gegen äußere Einmischung und Angriffe zustand.

 

Wer die DDR mit konkreten Interessen oder aus politischen oder ideologischen Gründen nicht gemocht und auch - tatsächlich - bekämpft hat, sollte doch nicht verlangen, ausgerechnet dieser deutsche Staat und nur er allein hätte keine Legitimation besessen, sich auch mit repressiven Mitteln gegen Hoch- und Landesverrat, oder gegen Sabotage [7]) zu schützen, wie jeder beliebige andere Staat auch.

Das "Ja, aber..." ist facettenreich. Deshalb bin ich für eine präzise Bestimmung: Bei der Ausübung der staatlichen Schutzfunktionen wird die Berufung auf "Ja, aber" untauglich,

 

     wenn sich der legitime Schutz unter Verzicht auf Politik und offene demokratische Auseinandersetzung auf die Repression verengte,

     wenn die Repression keiner Verhältnismäßigkeit genügte,

     wenn gar grobe Fehleinschätzungen schon im Vorfeld stattfanden und sich Korrekturen entzogen. 

     Schließlich wenn die staatlichen Sicherheitsorgane und die Justiz auch für interne politische Differenzen der SED-Spitze oder für deren Subjektivismus mißbraucht wurden, und

     wenn die Sicherheitsorgane sich nicht streng der Selbstbindung an Verfassung und Gesetzlichkeit unterwarfen und deren Unverbrüchlichkeit z.B. mit einem willkürlichen tagespragmatischen "Primat der Politik" relativiert wurde.

 

"Ja, aber" genau die eben skizzierte  Unverhältnismäßigkeit ist zwar in der Geschichte der BRD nicht minder real[8], doch  das kann kein zureichendes Argument sein für eine "Relativierung". Denn eine sozialistischen Gesellschaft muß strengere Maßstäbe als die bürgerliche Gesellschaft angelegen an den demokratischen politischen Umgang mit den Widersprüchen in der Gesellschaft, an die Qualität der Beurteilung von Menschen, an die Bestimmung der Verhältnismäßigkeit bei exekutiven Hand­lungen, sowie an die Fähigkeit, Fehlurteile und Fehlhandlungen, Fehlentwicklungen zu korrigieren.

 

5.

Schließlich tritt "Ja, aber" auf als wirkliche, als echte Relativierung.


Allerdings halte ich den Begriff "Relativierung" für nicht ganz glücklich, weil er "fundamentalistisch" unterstellt, es gäbe denn tatsächlich Absolutes. 

 

Für diesen Diskussionsbeitrag verwende ich ihn weiter und identifiziere ihn als eine Variation des Satzes "So machen's alle". Denn dieses Denken steckt dahinter. Noch Probleme?: Cosi fan tutte! Wie bequem doch, jede kritische Reflexion, gar selbstkritisches Lernen kann unterbleiben. Es ist die völlige Absage an ethische Ansprüche in der Politik. Es ist die nackte Bürgerlichkeit[9]  (wenn Markt und Geld die letztlich entscheidenden Effizienz-Kriterien sein sollen, hat dieser Standpunkt sogar seine Logik).

 

Der Relativierung "So machen's alle" begegne ich mit scharfer Kritik. Um ihr bei meinesgleichen Gehör und Nachdenklichkeit zu verschaf­en, verbiete ich mir die wohlfeilen, so verführerischen und bequemen Vereinfachungen. "Ja, aber" hat viele Bezüge.

 

Die Relativierung ist, wie mir scheint, auch nicht einfach ein akuter Reflex. Sie reicht tief in die Geschichte des realen Sozialismus und seiner Machtausübung zurück. Wir müssen ihre Bezugspunkte erkunden. 

 

Noch am einfachsten ist "So machen's alle" als Satz der moralischen Gleichgültigkeit von Karrieristen, denen die Karrieren alles, Ideale ohnehin nichts gelten. Wer wollte bestreiten, daß es die Karrieristen (in systemangepaßter Form) auch im realen Sozialismus gab, daß diese Bürgerlichkeit durch den Verlust sozialistischer Ideale begünstigt war?

 

Aber wie mit jenen von uns, die in den Konflikten und Kämpfen aufgegeben haben, die resignierten und denen der Satz "So machen's alle" eine Chiffre des Zynismus wurde? Günter Gaus postuliert das Recht jedes Menschen auf eine (seine) Nische, auf Mitläufertum - auch auf Zynismus?

Ich habe da meine größten Schwierigkeiten. Gewiß sind wir alle in Umstände und Prozesse hineingeboren, aber doch immer mit eigenem Kopf, eigenem Denken, eigenen Willen - und mit eigener Verantwortungsfähigkeit ausgestattet.

 

In Konflikten tun sich Alternativen auf. Wir müssen uns schon prüfen, weshalb - nicht in Form von Putschismus, sondern von "preußischem Ungehorsam" - z.B. aus dem MfS heraus nicht ein konsequentes und mutigeres Drängen auf Konsequenzen folgte? Dies gerade vor dem Hintergrund des persönlichen Mutes, mit dem Initiatoren der Bürgerbewegungen die ihnen als richtig erscheinenden Fragen aufwarfen? Um so mehr, als viele dieser Fragen - nimmt man sie so, wie sie seinerzeit gestellt wurden - keine DDR-feindlichen Inhalte ausdrückten und wohl auch nur in wenigen Fällen solche Absichten verbergen sollten. Denn waren diese Fragen nicht vielfach an sowjetischen Reformbemühungen orientiert und eng verwandt mit Vorstellungen, die sowohl innerhalb der SED, als auch im MfS selbst erörtert wurden?! Und: besaß das MfS nicht ein viel authentischeres Bild über die tatsächliche Situation in der DDR (insbesondere auch ihrer Wirtschaft), als es die Strömungen der Bürgerbewegung haben konnten? Hätte uns dies nicht eher zu mutigem Kampf für unsere Sache veranlassen sollen?

Das ist eines der für uns unbequemsten Probleme. Das historische Ergebnis gestattet nicht mehr, uns darüber hinweg zu mogeln.

 

Ich nenne jetzt nur einige Fragen, die mir viel wichtiger scheinen, als die Beschränkung auf oder ein Lamento mit "Ja, aber". Meinesgleichen wollen künftigen Generationen hinterlassen, was wir denn aus dem Scheitern unseres Versuches gelernt haben und welche Fehler sie vermeiden können (um dann ihre eigenen zu machen).

 

Genügen Erklärungen mit Befehlssystem und Parteidisziplin? 

Oder mit ideologischen Irrtümern?

Oder gar mit persönlicher Feigheit, zumal viele der älteren Kader der SED, des MfS usw. oft genug Mut und nicht Feigheit bewiesen hatten?

Welche Rolle spielte das "Feindbild" - in seinen richtigen und realistischen Aussagen, aber auch in seinen Verzerrungen und Trivialisierungen - für das Unterlassen "preußischen Ungehorsams" um doch das zu schützen, womit sich unsere Ideale verbanden?

 

Welche sozialpsychologischen Prozesse fanden statt, die zu Realitätsverlust nicht nur in der Führung der SED und der DDR gerieten, und die auch zu einer partiellen Enthumanisierung führten (z.B. bei der Ausübung der Repressionsfunktionen durch die Polizei- und andere Sicherheitsorgane)? Welches waren die individuellen Vermittlungen, die zu solchen Erscheinungen führten?

 

Mit "Ja, aber" ist der "Befragung des eigenen Tuns" nicht beizukommen. Aber ebensowenig ist dieser Erkenntnisweg gangbar, wenn eigentlich gar nicht danach gefragt, sondern in Wirklichkeit ein demütiges Abschwören verlangt wird, wie vor dem Kardinalgroßinquisitor. 

 

Ich bin für eine Rückbesinnung auf Rosa Luxem­burg, die sich nicht auf den berühmten einen Satz reduziert, sondern ihre nachdenkliche und konstruktive Kritik "Zur russischen Revolution" auf­reift, ihre Warnung vor der Gefahr der Degeneration der Diktatur des Proletariats zu einer "Diktatur im rein bürgerlichen Sinne" durch Verzicht auf "breiteste Öffentlichkeit, unter tätigster ungehemmter Teilnahme der Volksmassen, in unbeschränkter Demokratie".[10] 



[1] Mechtel, Dieter: "Noch einmal: Ja,aber"; in: Zwie Gespräch, Berlin 1993, Heft 14, S. 21 f.

[2] Brecht: "Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut..."

[3] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte; in: MEW, Bd. 8, Seite 117/118

[4]   Brecht, Bertolt; Hundert Gedichte, Berlin 1952, S. 306

[5]  Auch die BRD-Justiz ist nicht eindimensional, wie am Berliner Kammergericht zu erkennen ist, welches - freilich als bisher einsamer Rufer - in zwei Vorlagen an das Bun­desverfassungsgericht eine abweichende Position zur Verfolgbarkeit der DDR-Spionage vertritt und starke Zweifel an deren Grundgesetz- und Vö­kerrechtskonformität artikuliert.

[6]  Mechtel, a.o.a.O.,; S. 24

[7]   wie z.B. durch die "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit"  (KgU) Hildebrandts

[8] Vgl. dazu die sehr instruktiven Memoiren von Diether Posser:  Anwalt im Kalten Krieg; München 1991

[9] "Bürgerlichkeit" nicht die des Citoyen, sondern die des  Bourgeois

[10] Luxemburg, Rosa: Zur russischen Revolution; in: Gesam­melte Werke, Berlin 1974, Bd.4, S. 362 f.