jungeWelt

10.11.2006 / Schwerpunkt / Seite 3

Kein Mann ohne Gesicht

Generaloberst und langjähriger Chef des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, Literat und Intellektueller: Markus Wolf starb im Alter von 83 Jahren

Peter Wolter

Westlichen Geheimdiensten galt er jahrelang nicht nur als »Mann ohne Gesicht«, sondern auch als ihr schärfster Widersacher: Generaloberst a. D. Markus Wolf, stellvertretender Minister für Staatssicherheit und langjähriger Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR. Er starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 83 Jahren in Berlin.

Markus Wolf - seit seiner Moskauer Zeit allgemein »Mischa« genannt - hat die Hauptverwaltung Aufklärung (NVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zu einem der damals wohl erfolgreichsten Geheimdienste der Welt geformt. Unter seiner Führung gelang es, in die wichtigsten Entscheidungszentren der BRD vorzudringen, in ihre Geheimdienste, in diplomatische und militärische Spitzenpositionen, sogar bis ins Kanzleramt. Auch die NATO und die US-Streitkräfte waren nicht sicher vor dem Einfallsreichtum und der Hartnäckigkeit der Berliner Genossen. Viele geheime Dokumente kannte die HVA lange, bevor sie der Bundesregierung oder NATO-Gremien vorlagen. Ziel der DDR-Aufklärung war es von Anfang an, sämtliche Entscheidungszentren der Gegenseite so unter Kontrolle zu halten, daß jede Art von Aggression gegen die DDR und andere sozialistische Staaten schon im Ansatz aufgeklärt wurde. Der DDR-Geheimdienst hat somit einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, daß Europa ein halbes Jahrhundert lang von Kriegen verschont blieb. Ziel war es nie, wie immer wieder unterstellt, die Verhältnisse in der BRD zu destabilisieren.

Wolf wurde am 19. Januar 1923 als Sohn des kommunistischen Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf im baden-württembergischen Hechingen geboren. 1933 emigrierte die Familie erst nach Frankreich, dann nach Moskau, wo Mischa und sein Bruder Konrad die Schule besuchten. Eigentlich wollte Wolf Ingenieur für Flugzeugbau werden, wurde dann aber nach Kriegsbeginn zur Roten Armee eingezogen. Nach der Befreiung war ihm zunächst eine journalistische Karriere vorgezeichnet: In der Uniform der Roten Armee berichtete er u.a. über die Nürnberger Prozesse gegen das Führungspersonal des faschistischen Deutschland, später war er Kommentator des Berliner Rundfunks. Dann wurde er in den diplomatischen Dienst übernommen, eine Zeitlang arbeitete er als Erster Botschaftsrat in der DDR-Vertretung in Moskau, bevor er 1952 in Berlin die Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes übernahm - des Vorläufers der HVA. Mit Hilfe erfahrener Kommunisten, die geheimdienstliche Erfahrungen als Partisanen oder im illegalen Kampf gesammelt hatten, gelang es ihm, in relativ kurzer Zeit eine effektive Aufklärungsorganisation aufzuziehen.

Es ist viel gerätselt worden, ob Wolf ein Erfolgsgeheimnis hatte und wie das wohl ausgesehen hat. Daß die HVA hocheffizient war und gegnerischen Geheimdiensten nur in ganz seltenen Fällen Blößen bot, lag wohl in erster Linie daran, daß ausschließlich überzeugte Kommunisten eingestellt wurden, die mit voller Überzeugung und großem persönlichen Einsatz versuchten, in wichtige Positionen der Gegenseite einzudringen. Nicht nur unter der Führung Wolfs, sondern auch unter der seines Nachfolgers Werner Großmann ging es der HVA bei der Anwerbung von »Kundschaftern« immer darum, Menschen zu finden, die aus innerer Überzeugung bereit waren, für den Frieden zu arbeiten.

Wolf, der sich offenbar schon seit längerem mit seinem Minister Erich Mielke überwerfen hatte, schied 1986 auf eigenen Wunsch aus der HVA aus. 1989, als die DDR zerbröckelte, versuchte er noch, sein hohes Ansehen in die politische Waagschale zu werfen - zu spät. Nach dem Anschluß an die BRD brachte er sich zunächst nach Moskau in Sicherheit. Nach einigen Monaten in die BRD zurückgekehrt, wurde er verhaftet, aber nach kurzer Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß gesetzt. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft. Er brauchte die Zeit nicht abzusitzen, 1996 wurde sein Urteil vom Bundesverfassungsgericht aufgehoben.

Wolf war mehr als nur Geheimdienstgeneral. Er hatte schriftstellerische Ambitionen - sicher auch inspiriert durch seinen Vater und seinen Bruder Konrad, einer der bekanntesten Filmregisseure der DDR. Aus Wolfs Feder stammen mehrere Bücher, u.a. »DieTroika« über Moskauer Jugendfreundschaften, »Spionagechef im geheimen Krieg« oder auch das Kochbuch »Geheimnisse der russischen Küche«.

Auch Linkspartei-Chef Lothar Bisky würdigte Wolf. Seine Intelligenz, Offenheit und Unterstützung für die Erneuerung der PDS sei vielen in bleibender Erinnerung, heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung. Nach der Wende habe er geholfen, Geschichte aufzuarbeiten und die Auseinandersetzung in der Entwicklung zu einer »demokratischen sozialistischen Partei« offen zu führen.

So wird Wolf in Erinnerung bleiben: Er war zeitlebens alles andere als ein »Mann ohne Gesicht«.