junge Welt

10.11.2006 / Schwerpunkt / Seite 3

Vertrauen war sein Erfolgsrezept

Markus Wolf prgte die Arbeit der Auslandsaufklrung der DDR. Ein Gesprch mit Heinz Geyer

Heinz Geyer (77) hat als Generalmajor in der Hauptverwaltung Aufklrung (HVA), dem Auslandsnachrichtendienst der DDR, eng mit deren langjhrigem Leiter Markus Wolf zusammengearbeitet. Selbst seine Feinde in den westlichen Nachrichtendiensten hatten Respekt vor den Leistungen von Markus Wolf. Was war das Besondere an seinem Fhrungsstil?

Nun - die Zusammenarbeit mit seinen ihm untergebenen Leitern und Mitarbeitern und das Vertrauen, das er in sie setzte. Wir wiederum haben ihm dieses Vertrauen zurckgegeben, so da die Anleitung durch ihn wirklich ideal war.

War das minutise Kontrolle oder eher die Fhrungsmethode lange Leine?

Ich denke, das war mehr die lange Leine. Er hatte eben Vertrauen zu uns- und wir wiederum zu ihm. Die Zusammenarbeit war effektiv, aber auch sehr angenehm.

 

Was war eigentlich das Geheimnis seines groen Erfolges? Er galt ja auch im Westen als einer der erfolgreichsten Geheimdienstchefs.

Ich habe in den letzten Tagen, kurz vor seinem Tod, noch mit Mischa darber gesprochen. Er sagte mir, diese

Erfolge seien keine individuellen, sondern gemeinsame gewesen, von allen erarbeitet.

 

Aber er war doch der Inspirator des Erfolges, es mu doch irgendwie auch an ihm gelegen haben.

Das ist richtig. Seine auerordentliche Intelligenz, sein Einfhlungsvermgen und sein politisches Wissen waren

natrlich das Entscheidende. Er hat das immer wieder bei der Fhrung seiner Mitarbeiter eingesetzt. Wir

haben diesen Fhrungsstil von ihm bernommen und wiederum bei der Anleitung der uns unterstellten

Mitarbeiter angewandt.

 

Wie reagierte Markus Wolf in kritischen Situationen, etwa wenn ein Kundschafter im Westen verhaftet

wurde?

Er bestand sofort darauf, solche Vorkommnisse ohne Ansehen der Person zu untersuchen, um zu klren, wie es dazu kommen konnte und wie sich hnliche Flle verhindern lieen. Aber er war auch in solchen Situationen sehr ruhig und sachlich. Ich habe nicht einmal erlebt, da er auer Kontrolle geriet. Als nchstes wurden in solchen Fllen alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dem Verhafteten und seiner Familie zu helfen. Das hatte hchste Prioritt, fr uns Kommunisten gilt ja immer das Gebot der Solidaritt. Und es ist doch klar, da diejenigen, die im jeweiligen Operationsgebiet oft unter groen Gefahren herauszufinden versuchten, welche Gefahren der DDR drohten, in allererster Linie unsere Hilfe brauchten.

 

Markus Wolf ist 1986 aus der HVA ausgeschieden. Wie es hie, war ein Grund dafr, er habe persnliche Differenzen mit Staatssicherheitsminister Erich Mielke gehabt. Ist das so?

Ich selbst habe von all dem wenig bemerkt. Ich wei allerdings, da Mischa ebenso wie andere Leiter, die mit Mielke zusammenarbeiten muten, wenig Verstndnis fr dessen Launen hatten. Mielke hatte stndig neue Forderungen, die oft unntig oder unerfllbar waren.

 

Wolf hatte literarische Ambitionen, er hat mehrere Bcher geschrieben. Ist es mglich, da die schriftstellerische Phantasie, die ihm wohl von seinem Vater her in den Genen lag, seine Arbeit als Geheimdienstchef stimuliert hat?

 

Das sicherlich auch. Aber im wesentlichen waren es wohl seine intellektuellen Fhigkeiten, die er von Natur aus mitbrachte. Hinzu kommt die hervorragende Ausbildung, die er in der Sowjetunion genossen hat. All das zusammen hat dazu beigetragen, da Mischa eine auerordentliche und beeindruckende Persnlichkeit war.

Interview: Peter Wolter