Die ganz andere Tonart der Bücher

Zum Tod von Markus Wolf


Von Hans-Dieter Schütt

Sein Leben war die deutsche Misere, und die besteht darin, dass alles in einem wenig glücklichen Bewusstsein endet. Deutsche verjagen Deutsche, so kam Markus Wolf zum Internationalismus. Deutsche gegen Deutsche, so kam er zum unsichtbaren Visier. Leben zwischen Krieg und wieder Krieg - der eine heiß, der andere kalt, beide gleich gnadenlos. Ein Jahrhundert würfelte und warf Menschen an Orte, deren erstes Merkmal Fremdheit war, und das zweite Merkmal: die Last, sich zu entscheiden in lauter Unfreiheiten, »in Kält und Finsternissen« (Heinrich Böll)...

Mann ohne Gesicht

Markus Wolf, der deutsche Emigrant, wurde zum berühmtesten deutschen Spionagechef, zum Mann ohne Gesicht, dessen intellektuelle Ausstrahlung, dessen feinsinniger Charme nie zum Geschäft zu passen schien, dem er in Berlins Normannenstraße vorstand. Ohne diese Emigration, ohne diese Mühe eines Deutschen, gleichsam als Russe wieder Deutscher zu werden, ist dieses Leben wohl nicht zu verstehen. In den letzten Monaten habe ich Interviews mit Wolf geführt. Sie sollten in der kommenden Woche fortgesetzt werden. Gespräche darüber, dass Wolf selber auch lieber »draußen« gearbeitet hätte statt am Schreibtisch (einmal war er konspirativ in Schweden - zack, wurde er entdeckt, und der Einsatz »endete« als Titelfoto des »Spiegel«. Dass ihn nach der Wende CIA-Leute für die Flucht in die USA gewinnen wollten (natürlich nicht uneigennützig). Dass in einem Spionagemuseum in Florida inzwischen eine seiner Uniformen hängt. Dass alle raunenden Theorien, er sei im Herbst 89 eine entscheidende Schaltstelle zwischen Moskau und Berlin und einer der neuen sozialistischen Wende-Königsmacher gewesen, »sehr, sehr schmeichelhaft, aber blanker Unsinn« (Wolf) bleiben.

Was er aber spät wurde: quasi ein Dissident im Zentrum der Macht. Auffällig durch sein Ausscheiden aus dem aktiven Dienst (1986) - er zweifelte mehr und mehr am politischen Sinn der Nachrichtendienste, und er verzweifelte mehr und mehr auch an Mielke -, und auffällig wegen des Buches »Die Troika« (1989), der ersten DDR-Veröffentlichung über die Verbrechen der Stalin-Zeit. Er war einer, der die Partei nicht ver­ließ, als sie sich, zusammenbrechend, doch wieder erneuerte. Ratgeber wurde er, nicht weniger, aber auch nicht mehr. »Irgendwann war ich aber für einige offenbar nicht mehr denkbar ohne Aktionen hinter irgendwelchen Kulissen. Irgendwann saß ich vor meinem Leben und schaute zu, wie andere es fortschrieben wie einen Fortsetzungsroman, der unbedingt mystisch bleiben musste. Bis in die Wende hinein.«

Geboren wird Markus Wolf am 19. Januar 1923 in Hechingen, Baden-Württemberg. Sein Vater ist der jüdische Arzt und Dramatiker Friedrich Wolf, sein Bruder der spätere Filmregisseur Konrad Wolf. Sowjetisches Exil in Moskau. Später, während des Krieges, Ausbildung an der Komintern-Schule bei Ufa, Vorbereitung auf einen Einsatz hinter der Front. Aber die Schule wird aufgelöst, Wolf Kommentator beim »Deutschen Volkssender« in Moskau. Mit der »Gruppe Ulbricht« kehrt er nach Berlin zurück, arbeitet beim Berliner Rundfunk, wird Berichterstatter beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg. Fast wäre er Schauspieler geworden, Wangenheim will ihn am Deutschen Theater als Tempelherrn im »Nathan« einsetzen, Ulbricht hatte abgelehnt. Nach zwei Jahren Arbeit in Moskaus DDR-Botschaft kommt die Berufung in den Nachrichtendienst, ab 1955 ist Markus Wolf Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit. Der Fall Guillaume, von Gegnern Brandts geschickt zu dessen Sturz als Kanzler genutzt, wird zum spektakulärsten Ereignis der Ära Wolf. 1993 steht er in Düsseldorf wegen »Landesverrats« vor Gericht, der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf, ein zweiter Prozess erzwingt zwei Jahre auf Bewährung.

In einem unserer Gespräche sagte er: »Beim. Strich, den man unter die Rechnung Leben zieht, schieben sich mal die gesellschaftlichen Umstände in den Vordergrund, mal die Fähigkeiten, privates Glück herzustellen. Wenn ein System zusammenbricht, an dem man aktiv beteiligt war, bedrängt einen freilich die gesellschaftliche Dimension heftig und lange. Aber ich meine, mich für Lohnendes eingesetzt zu haben; die Irrtümer entwerten das Ziel nicht. Und dann kommt noch Entscheidendes hinzu: Ich hatte ein wunderbares Elternhaus, großartige Geschwister, ich habe eine ebenso wunderbare eigene Familie

Stets hat er den Außendienst seiner Behörde betont und die kriminalisierende Spitzeltätigkeit ins Innere der DDR als »Unglück« bezeichnet, aber nie leugnete er deswegen seine ministeriell beglaubigte Zuständigkeit; in dem Zusammenhang stritt er dagegen, alle MfS-Mitarbeiter prinzipiell zu diskriminieren - dafür steckte er als einer der Redner des 4. No­vember 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz gellende Pfiffe ein. »Es tut weh, wenn die vielen Mühen um eine andere Gesellschaft am Ende aufgesogen werden wie Staub von einem Staubsauger, und da soll nichts weiter gewesen sein außer Verbrechen und Versagen. Aber das wird alles noch differenzierter bedacht werden, davon bin ich überzeugt. Heutige radikale Abwertungen des sozialistischen Versuchs sind nicht ein Reflex aus einer Zeit nach den Kämpfen, diese Aburteilungen sind Teil der Kämpfe, die noch lange nicht zu Ende sind

Letzte Dinge

Auch wenn er in den Interviews vom ganz Großen, vom großen Ganzen sprach, ging der Blick sehr konzentriert über die kleine märkische Landschaft aus See und Bäumen. Mehrere Katzen, durchs Zimmer laufend, schürten nicht schlechthin die Lust am Philosophieren, sondern die Gelassenheit, letzte Dinge zu bedenken. Auch, dass abnehmende Lebenszeit die Intensität steigert, mit der man Luft, Licht, Wolken wahrnimmt. Das Unmittelbare, das eine Existenz zu bieten hat. Was an Möglichkeiten bleibt? Über die Rote Kapelle hätte er gern noch geschrieben, diese gewaltige große optimistische Tragödie des Mutes; und die Frauen des aktiven Antifaschismus,auch sie bewegten ihn; zudem waren da die Tagebücher seiner MfS-Zeit, die der Aufarbeitung harrten - unwirsche, zornige Notizen aus den siebziger, achtziger Jahren, vorschriftswidrig (und leichtfertig?) im Panzerschrank des Dienstzimmers verwahrt. Nachdem Wolf einige dieser handschriftlichen Aufzeichnungen in seiner Autobiografie veröffentlicht hatte, bekam er übrigens lustige Post von der Gauck-Behörde: Die Texte gehörten zum Bestand des Ministeriums und seien umgehend  abzuliefern.

Den Marxismus hat Markus Wolf, wie er sagte, »für vernünftig gehalten, und ich habe mich den disziplinarischen Anforderungen übergeordnet. Ohne das Gefühl zu haben, ich vergewaltige damit meine Individualität - ich war kein notorischer Einzelgänger. Man befragt ja das eigene Leben nach bestimmten Fähigkeiten, man befragt also sich selbst, was möglich sei, aber man befragt auch die Geschichte, was nötig sei. Ich habe das für mich ohne Arg, ohne Selbstfesselungskünste in Einklang bringen können. Sicher wirkte da auch das Beispiel des Vaters, der als ausgeprägter Charakter doch ein diszipliniertes Mitglied der Kommunistischen Partei geworden war

Freunde sterben nicht

Dann wieder der Blick auf See, auf Bäume, und die Frage nach der Trauer, die jede Bilanz durchzieht. »Die Alten sind wahrscheinlich immer traurig darüber, wie das Leben über sie hinweggeht. Erfahrungen, die viel Energie aufgebraucht haben, enden als Fußnoten der Geschichte. Wie soll man da nicht ein bißchen traurig sein? Mit Büchern versuchte ich, etwas weiterzugeben

Bücher sind doch aber leise. »Vielleicht die einzige Tonart, die noch eine Chance hat, Vertrauen zu wecken Eines dieser Bücher hieß: »Freunde sterben nicht«. Er­innerungen an Menschen, die sich aus klarer Parteinahme zwischen die Fronten wagten.

In der Nacht zum Donnerstag ist Markus Wolf, dreiundachtzigjährig, in Berlin gestorben. »Friedlich eingeschlafen«, heißt es. Friedlich. Als wolle der Tod etwas besiegeln, das diesem Leben oft genug verwehrt wurde.

 

 

Markus Wolf:

Wozu ich nicht bereit war

Ich reagierte stets relativ kurzentschlossen auf neue Situationen und nahm das zu Lösende ohne übertriebenes Zögern in Angriff. Salopp gesagt: Ich nahm das Leben, wie es kam. Ich hatte wohl immer auch einen Nerv für das Naheliegende, das zu akzeptieren war. Insofern konnten mir äußere Vorkommnisse, genau betrachtet, nur wenig anhaben.

Ich hatte nach 1990 nie das Gefühl, von Leere bedroht zu werden. Ich fürchtete nie, ohne Beschäftigung zu sein. Ich traute stets der Fügung, dass die Dinge in Bewegung blieben. Sicher hat mir da auch die andere Seite, wenn man das jetzt mal so sagen will: die westdeutsche Seite, unfreiwillig geholfen, und zwar durch Diffamierung und Strafverfolgung. Beides hat dafür gesorgt, sich zu straffen, sich zu bündeln, sich zu konzentrieren, sich nicht hängen zu lassen. Nicht in dem Sinne, starr zu sein, Fehler nicht einzusehen, über Schuld nicht nachzudenken, nein, ich war sehr bereit, kritisch mit all dem umzugehen, was unter meiner Verantwortung geschah, aber: Wozu ich nicht bereit war und bin, ist die Verunglimpfung und Kriminalisierung dessen hinzunehmen, was ich politisch und moralisch noch immer für richtig halte.

Ich kann von mir sagen, dass ich zumindest ahnte, Parteimitgliedschaft würde einschneidende Konsequenzen mit sich bringen. Mich hat die Zugehörigkeit zu den Kommunisten mal größer, mal kleiner gemacht, aber ich habe mich dabei immer selbst gespürt, auch wenn ich mal durch Zweifel ins Rutschen kam.

Es ging für mich, Mielke betreffend, oft an Grenzen der Erträglichkeit, aber ich habe mir wohl mit der Zeit das nötige Rüstzeug zugelegt, um nicht aufzustecken, und ich wusste, warum ich blieb. Ich sah die Aufgabe, ich sah viele andere Menschen, ich verdrängte diesen Mielke nach Maßgabe meiner Möglichkeiten. Bei meinem Bruder Koni war die Fähigkeit, Dinge zu verdrängen, sich eine gewisse Hornhaut zuzulegen, nicht so ausgeprägt. Ich habe in der Art meines Bruders immer auch etwas von der notwendigen, wahrscheinlich sogar natürlichen Einsamkeit gesehen, mit der künstlerische Entscheidungen getroffen werden, unabhängig davon, ob man daheim am Schreibtisch sitzt oder im Geselligkeitsbetrieb einer Filmproduktion arbeitet. Diese Einsamkeit ist für den Künstler, so denke ich, die eigentliche Verbindung zur Welt, eine Verbindung, die ja immer eine brüchige ist.

Aus letzten Gesprächen, die Hans-Dieter Schütt zwischen Mitte August bis Anfang Oktober 2006 mit Markus Wolf führte.