"Junge Welt“,  

 

Ausgabe vom 13.09.2021, Seite 8 / Ansichten

 

 

PORTRÄT

 

Hochstapler des Tages: »Stasi-Opfer«

Von Sebastian Carlens

 

Die irre Skandalgeschichte um die »Stasi-Gedenkstätte« Hohenschönhausen ist um eine bizarre Facette reicher: Am Freitag berichtete die Märkische Allgemeine Zeitung, dass ein AfD-Politiker unter falscher Identität Besucher durch die Anlage geführt haben soll. Als angebliches Stasi-Opfer »Olexander Sbutewitsch« habe Rainer Schamberger monatlich 2.000 Euro kassiert. Seit 2017 treibt er dort sein Unwesen; der Schwindel flog erst auf, als er sein Honorar auch noch an der Steuer vorbeischleusen wollte. Selbst dann log Schamberger weiter: Er könne gemeinsam mit »Sbutewitsch« erscheinen, um die Anschuldigungen zu entkräften. Schließlich habe er die Vorwürfe doch noch eingeräumt. Ulrike Lippe, Sprecherin der Gedenkstättenstiftung, äußerte gegenüber der B. Z., dass nach Aufkommen von Zweifeln »unverzüglich gehandelt« worden sei.

Jahrelang konnte ein Hochstapler dort Schüler indoktrinieren, niemand merkte es – bezeichnend für die Seriosität des gesamten Konzeptes. Und keineswegs der erste Eintrag in dieser Chronique scandaleuse. 2018 war der notorische Selbstdarsteller Hubertus Knabe als Leiter abgelöst worden, nachdem sein Stellvertreter Helmuth Frauendorfer wegen Stalkings geschasst worden war: Dieser sexuelle Prädator hatte seinen Job als Jagdgebiet genutzt. Die FAZ konstatierte beim Gedenkstättenförderverein eine »rechtspopulistische Schlagseite«: AfD-Leute hätten die Struktur gekapert. Der Fall Schamberger-Sbutewitsch illustriert dies. In Hohenschönhausen können Scharlatane machen, was sie wollen. Das Publikum wird zwangsweise herangekarrt; regelmäßig werden Schulklassen durch die Zellen des früheren Gefängnisses geschleust.

Was tun – Hohenschönhausen schließen? Umwidmung wäre sinnvoller: Als Gedenkstätte für staatlich inszeniertes DDR-Bashing, das selbst vor Indienststellung von Kriminellen nicht zurückgeschreckt ist.