Ein HVA-Mann, geehrt als Fluchthelfer


Ein Todesfall, eine Meldung - und Einsichten über das »andere« MfS                                                                                                     Von Rene Heilig

Der frühere Vizechef der DDR-Auslandsspionage, Horst Jänicke, ist tot. Er starb am Sonnabend und war dpa offenbar nicht nur wegen der nachrichtenarmen Jahreszeit eine Meldung wert.

Jänicke starb am 31. Dezember - vier Tage vor seinem 83. Geburtstag. Ehemalige Mitarbeiter wissen nur Gutes über den Generalleut­nant der DDR-Staatssicherheit zu berichten. Bescheiden sei er gewesen. Und keineswegs ein Mann, der den Weltfrieden nur am Schreib­tisch gesichert hat. Man berichtet, dass er - als IM-Eheleute im »Operationsgebiet« vor der Verhaftung standen - selbst zu ihnen geflogen ist, um sie zu retten. Jänicke war in Mielkes Ministerium - doch offenbar sehr fern vom geistigen Zuschnitt des Ministers - verantwortlich für die Dritte Welt. Er leistete Entwicklungshilfe - so wie man sie in der damaligen Systemauseinandersetzung verstand. Schwerpunkte waren Angola, Mosambik, Äthiopien. Das alleine wäre jedoch in der aktuellen Bundesrepublik keine Erwähnung wert. Jedenfalls keine positive. Wichtig ist etwas anderes. Horst Jänicke war der Mann, der etwas tat, was die DDR-Staatssicherheit im eigenen Land schwer verfolgte: Er schleuste Leute aus einem Land. Illegal. Das Land heißt Chile, es war nach dem 11. September 1973 ein Schlachthaus. Pinochets Militärs hetzten Mitglieder und Sympathisanten der unter Bombenhagel gestürzten sozialistischen Regierung von Salvador Allende.

Chile war die demokratische Hoffnung der Linken. Wie kein anderes Land half die DDR. 50 Millionen US-Dollar Kredit räumte das devisenarme Deutschland ein. Zur gleichen Zeit fuhr das andere, das westdeutsche Land, seine Wirtschaftshilfe auf ein Drittel zurück. Dann, als sich die künstlich verstärkten Probleme Chiles türmten, warnte die DDR-Staatssicherheit die chilenischen Sozialisten wie
Kommunisten vor einem Putsch. Die Informationen dazu hatten die Gebrüder Spuhler zusammengetragen - in Pullach, dem Haupt­quartier des Bundesnachrichtendienstes. Offenbar war der BND dichter an der CIA-Operation »Centauro«, mit der die USA das sozia­listische Experiment in Chile beendeten. Im selben Jahr bekam der federführende US-Außenminister Kissinger den Friedensnobelpreis ... Die Opfer in Chile werden mit bis zu 20 000 beziffert.

Als die Militärs die Gefängnisse und auch das Stadion in Santiago mit Häftlingen füllten, als Pinochets Leute folterten und morde­ten, gab es auch im SED-Politbüro einen Moment des Überlegens: Was ist wichtiger, die Menschenrechte oder die Chance auf gesi­cherte Kupferlieferungen aus dem Andenland?! Die Frage war im SED-Politbüro nicht unumstritten.

Doch dann erhielt die DDR-Staatssicherheit den Auftrag, Men­schen in Not zu retten. Horst Jäni­cke sollte diese Hilfe koordinieren.
Man schickte Offiziere nach Chile, die den Auftrag hatten, Verzweifelte, die in der DDR-Botschaft Zu­flucht gesucht hatten, illegal aus dem Mörderland zu schleusen. Dazu kopierte man unter anderem Autos, die von so genannten BRD-Menschenhändler-Banden a la Lampl präpariert wurden. Ein MfS-Mann schleuste so den damaligen Generalsekretär der Sozialistischen Partei, Carlos Altamirano, in letzter Minute via Argentinien aus der Gefahr. Das MfS leitete den DDR-Frachter »Neubrandenburg« mit Kurs Kuba um. Noch vor dem Einlaufen in Chiles Hoheitsgewässer hatte man Verstecke für politische Flüchtlinge gebaut, die sich als nützlich erwiesen. Viele DDR-Bürger waren beteiligt an der Rettung von Pinochet-Opfern. Techniker von Außenhandelsbetrieben, Frauen und Männer der Handels­vertretung, Hochschullehrer... Die wenigsten hatten eine unterschriebene Arbeitsbeziehung zum MfS. Außer den Leuten, die zum Schutz der DDR-Vertretung abgestellt waren, gab es - so der verantwortliche Offizier in der Zentrale, Gotthold Schramm, - keine hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter in Chile.               

Auch nach dem Einfrieren der diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und Chile galt der ostdeutsche Staat als ein verlässlicher Anlaufpunkt.  Mit Hilfe  der finnischen Vertretung - die, wohl wissend, was die DDR an »illegalen« Maßnahmen am Laufen hatte - mittat, wurde die internationalistische Hilfe fortgeführt. Anders in der damaligen BRD. Als Clodomiro Almeyda, Allendes Außenminister, endlich aus dem Pinochet-Land entlassen wurde, kam er nach Baden-Württemberg. Der damalige Ministerpräsident und Ex-Nazi-Marine-Richter Filbinger verweigerte ihm die Aufenthaltserlaubnis. Horst Jänicke ist tot, seine Arbeit für Chile verlangt Respekt.