Wolfgang Hartmann – ein Freund des reflektierenden Gespräches

Ein Beitrag zu dem Kolloquium:

Uns an den eigenen Idealen messen!

Wolfgang Hartmann und die kritische Bewertung

der Geschichte der DDR und ihres Ministeriums für Staatssicherheit

Berlin, 9. Dezember 2009

 

Liebe Frau Hartmann, sehr geehrte Anwesende!

 

0 Vorbemerkung

 

So selbstverständlich ist es nicht, dass ich hier zu Ihnen spreche. Es ist nicht mein gewohnter Zuhörerkreis. Aber ich kann dadurch vielleicht besser ermessen, wie es wohl denen von Ihnen ergangen sein muss, die wie Wolfgang Hartmann zu den Gesprächsrunden „Zwie-Gespräch“ 1990-1999 gekommen sind. Da saßen wir später in dem kirchlichen Gemeindesaal, hinter mir unübersehbar das Kreuz. Nun muss sich ein Geheimdienstler in viele ungewohnte Lebensräume einbringen – aber ganz ohne Brisanz ist es denn doch nicht, sich zu den Bearbeiteten zu setzen und dabei noch einen kirchlichen Raum zu betreten.

 

I. Kritikfähigkeit

 

Ohne Zweifel besteht ein großes Verdienst von Wolfgang Hartmann darin, dass er zur kritischen Reflexion gerade auch der DDR und MfS-Geschichte aufgerufen und dazu selbst Beiträge geliefert hat. Dabei war er durchaus selbstkritisch: Die Kritik – gerade im Sinne von Karl Marx verstanden – sei nicht kritisch genug gewesen. Er kannte seinen Marx – auch den frühen. Er liebte Brecht und die Klassiker. Er argumentierte, aber er dozierte nicht - obgleich er, wie eben gehört, sehr lange Brief-Mails schreiben und auch als Ghostwriter tätig sein konnte. Und er war noch bis ins hohe Alter hinein neugierig – den erkennbar schwindenden Kräften zum Trotz.

 

Ja, Wolfgang Hartmann lag sehr daran, dass andere Ähnliches taten. Er hat dem „Fortwirken alten Denkens“ nach 1989 den Kampf angesagt. Er sprach es so aus:

„Ein weiteres Moment - neben „Trotzigkeit“ -  ist, daß bei nicht wenigen früheren Mitarbeitern alte Vorstellungen, buchstäblich „altes Denken“, sowie Attitüden der Machtarroganz noch immer fortwirken.

Ich meine damit eine Intoleranz, die sich im Fehlen

 

  (Schwierigkeiten mit der eigenen Geschichte. Nachdenken über den Umgang mit der Geschichte des MfS, Zwie-Gespräch 31, S. 26f.).

 

Wie weit man selbst diesem Anspruch wirklich gerecht wird – das gilt für jeden, der sich auf diesen Weg begibt -, ist eine immer neu zu diskutierende Frage. Aber die theoretische Bereitschaft ist schon etwas sehr Respektables. Ich versuche in diesem Sinne einiges zur Sprache zu bringen

 

II. Wider die Heuchelei

Grundsätzliche Erwägungen

 

Wenn ich ein Stichwort benennen sollte, das ich des Öfteren von Wolfgang Hartmann sowohl in größerer Runde als auch in Privatgesprächen hörte und das er auch in einigen seiner Beiträge verwandte, so ist dies das andere kritisch bewertende Wort „Heuchelei“. Lassen Sie mich darauf ein wenig eingehen.

 

2.1. Zunächst verstehe ich die Verwunderung jener, die nicht dem MfS angehören, ja jener, die von dem MfS bearbeitet wurden. Sie haben mit diesem Wort im Munde eines Hauptamtlichen Mitarbeiters der Hauptverwaltung Aufklärung, der auch in der alten Bundesrepublik tätig war, wie überhaupt im Munde eines Hauptamtlichen Mitarbeiters des MfS ihre Schwierigkeiten. Lassen Sie mich das kurz erläutern – auch wenn es im Rahmen dieses Treffens für Sie vielleicht eine gewisse Zumutung darstellt. Aber ich denke, dass Wolfgang Hartmann sich durchaus darauf eingelassen hätte. Er wusste von der Notwendigkeit, auch Unbequemes zu diskutieren.

Denn Wolfgang Hartmann erkannte die „ungeheure Kluft …, welche sich zwischen dem ‚Selbstbild’ des MfS und seiner Mitarbeiter und dem ‚Fremdbild’ über das MfS und seine Mitarbeiter“ auftut und fährt fort: „Die Aufhellung dieser Kluft ist eine erstrangige Aufgabe, um Ehrlichkeit vor sich selbst und vor dem Volk zu gewinnen.“ (a.a.O.,  S. 28).

 

Wie wichtig es ist, auf die Wahl der Worte zu achten, hat z.B. auch der Absolvent der Juristischen Hochschule des MfS, Wolfgang Rintorf, in seiner Diplomarbeit (Aktuelle Erfordernisse der langfristigen konzeptionellen Erweiterung der inoffiziellen Basis auf dem Gebiet der evangelischen Kirche, MfS JHS Nr. 310/83, S. 57) belegt. Er weist darauf hin, es sei günstiger, bei Theologen statt „Treff“ von „Zusammenkunft“, statt „Konspiration“ von „Vertraulichkeit“ zu sprechen. Und andere rieten, man solle statt von „Aufträgen“ besser von „Erwägungen, Hinweise“ reden.

 

Damit wird eine wichtige Erkenntnis umgesetzt. Sprache bezeichnet nicht nur, sie bewertet auch. Und eine positive Bewertung der eigenen Tätigkeit ist lebenswichtig. Ich komme auf diesen Problemkreis noch später zurück.

 

Genug der Absicherung und nun zur Sache.

 

2. 2. Nie hat das MfS im Zusammenhang mit der geheimdienstlichen Tätigkeit eines  Führungsoffiziers, der die Gespräche mit IMs und operativ interessierenden Personen vor Ort führt, von „Heuchelei“ gesprochen. Hier ist ein anderer Sprachgebrauch gängig. Ein Führungsoffizier muss vielmehr „Professionalität“, „Wendigkeit“, „Erfindungsreichtum“, „Intelligenz“, kurz „tschekistisches Verhalten“ auszeichnen, wenn er z. B seine Gesprächspartner unter falscher Flagge trifft. Dennoch gibt es einen MfS-eigene Aussagekomplex, der dem, was „Heuchelei“ im Umgang eines Führungsoffiziers mit IM andeutet, sehr nahe kommt. Es ist  „Das Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit“ (Potsdam, April 1985, GVS JHS 001-400/81),  Stichwort „Vertrauensverhältnis“.

Es gilt danach, „vertraulichen Beziehungen“ aufzubauen

a)      zum Verhältnis operativer Mitarbeiter – IM: Es sei „anzustreben …, daß der IM dem operativen Mitarbeiter volles Vertrauen entgegenbringt, während der operative Mitarbeiter … den Sicherheits- und Kontrollaspekt nicht außer acht lassen darf.“

b)      zum Verhältnis IM - und bearbeiteter Person. Hierzu wird ausgeführt, „daß die operativ interessierende Person zum IM volles Vertrauen hat, während der IM ihr gegenüber ein Vertrauen vortäuscht.“ Es ist bemerkenswert, dass hier tatsächlich „vortäuscht“ verwandt wird und nicht der Versuch der Verschönerung unternommen wird.

 

Gerade dieser Sachverhalt, dass ein IM oder ein Hauptamtlicher Mitarbeiter seine eigentlichen Motive in der Regel im Gegenüber zur operativ interessierenden Person verheimlichen muss, ist einer der Gründe gewesen, weshalb sich die Auseinandersetzung mit der DDR nach 1990 so stark auf das MfS konzentriert hat. Es ist die berufsspezifischen Notwendigkeit, Vertraulichkeit gegenüber der operativ interessierenden Person in aller Regel vortäuschen zu müssen. Dieses Vortäuschen des Vertrauens ist Gift für ein echtes Miteinander. Es ist von der inneren Struktur her kein Gespräch auf gleicher Augenhöhe. Der Gesprächspartner eines Offiziers des MfS, auch der HV A wird instrumentalisiert, wird tschekistisch ausgebeutet. Dieser Grundtatbestand ist Kennzeichen jeden Geheimdienstes bei der Arbeit mit Menschen außerhalb des MfS.

 

Wolfgang Hartmann hat versucht, mir ein anderes Bild von dem Charakter der Gespräche zu vermitteln. Er hat von dem Gesprächsklima mit Agenten in der BRD erzählt. Diese Gespräche wären häufig von einer gemeinsamen Grundhaltung geprägt gewesen und hätten einen bedeutenden Tiefgang erreicht. Er  hat in diesem Zusammenhang auch (Immer noch: "Ja, aber" oder Der arge Weg der Erkenntnis, Zwie-Gespräch 17, S. 17f.) auf die eigentliche Intention des inzwischen inkriminierten Terminus IM abgehoben. Dieser meine wirklich  ‚Mit-Arbeiter’. Ein IM sei ein „politischer Mitkämpfer“, werde als „Subjekt des nachrichtendienstlichen Agierens“ gewertet, nicht als „ein Objekt“, werde „eben nicht mit Distanz als ‚Instrument’ …, verdeckter Ermittler’, V-Person, Informant, Undercover-Agent oder auch Spitzel“ angesehen (Die Vielfalt der IM-Tätigkeit. Ein Diskussionsbeitrag anläßlich und zu Ulrich Schröters Artikel über die Spannweite und über Bewertungskriterien der IM-Tätigkeit in ‚Zwie-Gespräch’ Nr. 23, Zwie-Gespräch 27, S. 17f.). Es herrsche vielmehr, so hat Wolfgang Hartmann betont, eine „Subjekt-Subjekt-Beziehung“ vor, es sei „in den meisten Fällen … zwischen Führungsoffizier und IM partnerschaftlich“ zugegangen.

 

Ich halte fest, dass diese Sicht der des Lexikons des MfS widerspricht. Doch bleiben ihr gegenüber Anfragen. Warum war dann manchem Gesprächspartner gegenüber, auch manchem Gesprächspartnern von Wolfgang Hartmann gegenüber, nicht immer deutlich, dass er mit einem Vertreter der HV A sprach? Und auch wenn die Gesprächspartner den MfS-Bezug ahnten oder wussten, war ja keineswegs ausgemacht, in welchem Sinne von ihren Mitteilungen im MfS Gebrauch gemacht wurde. Hier zeigt sich die interne Schwierigkeit, dem Problem des Vertrauensgefälles, das die Alltagssprache krass als „Heuchelei“ bezeichnet, auszuweichen – auch wenn man seine Tätigkeit für die HV A hoch professionell betreibt.

 

Vielleicht zeigt sich hier ein weiteres Grundproblem jedes Geheimdienstlers. Je länger er im Dienst ist, umso stärker besteht die Gefahr, sich von der im Alltag üblichen Verstehensweise zu entfernen und die Maßstäbe zu verschieben. Vertrauen ist jedoch eine derart notwendige zwischenmenschliche Verhaltensweise, dass ein terminologisches Umdeuten höchst anfragbar ist. Vielleicht sollte man schon deshalb nur eine bestimmte Zeit in einem Geheimdienst mitarbeiten. Die Länge der Tätigkeit birgt die Gefahr in sich, die moralischen Maßstäbe zu verschieben – oder in verschiedene Bereichen verschieden auszulegen, beruflich so, privat so.

Aber ist der Mensch in seinem Moralgefüge teilbar?

 

2.3.  Und doch möchte ich nach all diesem zwei Situationen festhalten, bei der die Partnerschaftlichkeit zwischen dem Vertreter des MfS und dem Gesprächspartner tatsächlich gewährleistet ist. Sie ist dann gegeben, wenn der Gesprächspartner Mitteilungen oder Forschungsergebnisse gezielt und wirklich freiwillig über den Geheimdienst weitergeben will. Auch Informationsgeschäfte mit hoher finanzieller Verdienstspanne gehören wohl hierher. Aber auch hier ist noch eine wichtige Einschränkung zu machen. Die gleichberechtigte Subjekt-Subjekt-Beziehung auf Augenhöhe unterliegt ihrerseits dem Vertrauensgefälle gegenüber dem Arbeitsgeber des Gesprächpartners, wenn über Inhalt und Ablauf von Geschäftsbereichen gesprochen wird, die nicht zur Weitergabe freigegeben sind. Demnach verlagert sich das Problem des Vertrauensgefälles nur um eine Instanz.

 

2.4. Ich füge eine Bemerkung an, die die Brücke zu der kirchlichen Gesprächsführung schlägt. Man kann gewiss auch als kirchlicher Seelsorger viele Parallelen zwischen der eigenen Praxis und der Art und Weise aufzeigen, mit der Gespräche zwischen dem Operativen Mitarbeiter und dem IM oder kirchlichen Gesprächspartnern vorbereitet und durchgeführt wurden. Hierzu gehört z. B. das Achten auf eine gute Atmosphäre ebenso das Wissen, dass jeder Gesprächspartner in seiner individuellen Eigenart und Einzigartigkeit gesehen und entsprechend behandelt werden muss. Und in dieser Hinsicht hat Wolfgang Hartmann im Sinne der Subjekt-Subjekt-Beziehung viel gewusst und getan. Auch ein Theologe tut gut daran, psychologische Gegebenheiten zu kennen und umzusetzen. Aber ein fundamentaler Unterschied bleibt bestehen. Der Gesprächspartner innerhalb des kirchlichen Raumes darf nie zu einem Objekt werden – ich betone „darf“, wissend, dass es auch hier Verstöße gibt.  Die Subjekt-Subjekt-Beziehung bleibt fundamental. Vor Gott gibt es keinen Vorzug des einen vor dem anderen. Ein Bericht über das geführte Gespräch – ohne Wissen des Betroffenen - an die eigene Behörde weiterzuleiten, ist ausgeschlossen. Instrumentalisierte Gespräche sind der Tod jeder Seelsorge.

 

Hier ist denn doch ein Unterschied zu den Subjekt-Subjekt-Gesprächen im Rahmen der HV A oder des Abwehrgeheimdienstes zu sehen. Die Verwertung des Gesprächs für den Geheimdienst – in welcher Form auch immer, als Bericht oder als Umformung in eine Maßnahme -  ist doch der eigentliche Sinn der Operation eines Geheimdienstes. 

 

 

III. Wider die Heuchelei im Rahmen der historischen Aufarbeitung

 

Gehen wir jetzt dem nach, was Wolfgang Hartmann als „Heuchelei“ im Politisch-ideologischen Gebiet bezeichnet hat. Und hier legte „Heuchelei“ den wichtigen Akzent darauf, dass man nicht mit zweierlei Maß messen darf.

 

3.1. Das betrifft ist zunächst die historische Erkenntnis, dass ein Geheimdienst keineswegs ein DDR-Spezifikum war:

Wer nicht  beachten will, daß in jedem Staat allein das Bestehen geheimdienstlicher Strukturen auch die bewußte, die gewollte Hinnahme von geheimdienstlichen, also verdeckten Ar­beitsmethoden der „Ausspähung“ und des Informationsgewinns bedeutet, die sich im wesentlichen überall gleichen, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, vorsätzliche Einäugigkeit oder Heuchelei zu pflegen (Zwie-Gespräch 27, S. 14f.).

 

Es ist das Einzigartige, dass die MfS-Akten – soweit sie nicht vorher vernichtet wurden - öffentlich geworden sind.  Damit ist – um mit Wolfgang Hartmann zu sprechen – „ein bislang einzigartiger Blick auf die innere Logik von Geheimdiensten möglich“ (a.a.O., S. 15). In Abstufung ist dieser Einblick inzwischen auch in anderen Ländern des ehemaligen Ostblockes geschehen. Aber dergleichen fehlt für andere, besonders westliche  Länder. Und es wird so schnell auch nicht geschehen. Ein Geheimdienst verschweigt gewöhnlich sein Tun – sonst könnten seine Methoden nicht mehr greifen. Die Berichte von Ehemaligen etwa über den Mossad bringen zwar viel ans Tageslicht, aber längst nicht alles. Und so ist ein Ungleichgewicht in der Beurteilung der Handelsweisen gängig und dieser fällt – eben wegen der fehlenden Vergleichsmöglichkeit mit anderen Geheimdiensten – unverhältnismäßig hart für das MfS aus. Ich betone schnell, dass ich damit keineswegs rüde Umgangsformen, besonders gegenüber politisch Abweichende, als feindlich-negativ eingestufte Personen billige. Dennoch bleibt dieses Ungleichgewicht in der Beurteilung der Geheimdienste bestehen.

 

3.2. Das betrifft die Frage, inwieweit in der Bundesrepublik alt, die Nachwirkungen des Nationalsozialismus sachlich und personell hinreichend kritisch bearbeitet wurde.

„Sollte es wirklich unzulässig sein zu fragen: ‚Ja, aber: waren nicht von sechs deutschen Bundespräsidenten drei Mitglieder der NSDAP?"

Wem fällt, angesichts gewisser tatsächlicher - nicht zugeschriebener! - Kontinuitätslinien nicht die Heuchelei auf? Das ist auch deutsche Geschichte, sehr gegenwärtige sogar. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Brecht), wir sehen es doch nicht erst seit Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen.

(Zwie-Gespräch 17, S. 19).

 

3.3. Ausblenden der Nachkriegssituation.

Auch ohne einen direkten Beleg für „Heuchelei“ in diesem Zusammenhang innerhalb von Zwie-Gespräch zu finden, ist dieser Gesichtspunkt hier einzubeziehen. Dabei wird gewiss nicht jedes Vorgehen der DDR, des MfS und der SED von Wolfgang Hartmann gutgeheißen, aber mit Recht beharrt er darauf, dass bei einer sachgemäßen Beurteilung die Nachkriegssituation mit dem Gegeneinander der Blöcke herangezogen werden muss. Ohne diese historische Gesamtlage im Blick zu haben, kommt es zu Verzerrungen. 

 

IV. Verschriftung und Wirklichkeit

 

4.1. Andere wichtige Hinweise von Wolfgang Hartmann zur Diskussion über das MfS

Akten und Vollständiges Erfassen der Situation

Und selbst die „Wohlwollenden“ werden, solange sie vielfach auf die Black-box-Methode der Erforschung des MfS angewiesen sind, hilflos Irrtümern überlassen. Ein Irrtum - nicht nur von historischen Laien - ist der Irrglaube, Aktenlesen allein ergäbe verbürgte Kenntnis (Zwie-Gespräch 31, S. 23).

Dem kann ich insofern voll zustimmen, als ich selbst von 1983-1991 bzw. 1999 im Konsistorium der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg mit Akten und Aktenvermerken gearbeitet habe. Man notiert nur Markantes, Überraschendes, Neues. Man schreibt keine Romane – lässt also vieles fort, was dem Kreis, für den die Notiz angefertigt wird, ganz selbstverständlich ist. Es bedarf also eines Hintergrundwissen und Einfühlungsvermögens, um Akten und Aktenvermerke kongenial deuten zu können.  Dennoch bleibt unstrittig: Das vorliegende Aktenmaterial des MfS bietet unvergleichlich mehr an Informationen, als wäre man nur auf reine Vermutungen angewiesen.

 

Und lassen Sie mich noch eine Bemerkung zur Verlässlichkeit der Akten hinzufügen. Die Verlässlichkeit ist größer, als viele auch ehemalige Führungsoffiziere im Nachherein glauben machen wollten. Ihr Interesse lag nach 1989 darin, ehemalige IM zu schützen. Aber, was wäre das für ein Ministerium, wenn es sich mehr der Dichtkunst als der Wirklichkeit verschrieben hätte. Es wurde intern überprüft und bei dem Wechsel einer Zuständigkeit musste garantiert sein, dass schnelles Einarbeiten möglich war. Das setzt möglichst genaues Fixieren des Gemeinten voraus. Gewiss, eine Notiz ist nicht besser als sie die Aufnahme- und Ausdrucksfähigkeit des Schreibenden festzuhalten vermag. Und sie hängt ebenso von der Fähigkeit und Intentionen der Informanten ab. Aber da konnte man mitunter auf einen zweiten Informanten aus demselben Arbeitsfeld zurückgreifen, da gab es die Erfahrung des Abteilungsleiters. Hinzu kamen die Observationen, die M-Maßnahmen (Postkontrolle) und die der Abteilung 26 (Abhörinstallation) – ich brauche das nicht weiter auszuführen. Freilich, manches ist in den Berichten weggelassen worden, was auch hätte gesagt werden sollen oder müssen – zumindest von heute aus geurteilt. Aber es liegt schon – trotz allem – äußerst wichtiges Material vor, das sich nicht durch gezielte Nebelbomben verschleiern lässt.

 

 

4.2. Abschluß. Ein Beispiel zur These: Schriftliches muss durch Mündliches ergänzt werden.

 

Ich schließe mit einem Passus, der nicht aus MfS-Akten stammt. Er soll belegen, dass Verschriftetes eines ist. Kommt die Situationskenntnis nicht hinzu, erschließt sich nicht alles. Wir schreiben das Jahr 1974. Da erscheint Stefan Heyms Roman „Der König David Bericht“. Die biblische Story bietet er gekonnt und spannend. Und er hat sich sachkundigen Rat eines Religionswissenschaftlers gesucht. Gefragt, ob er denn einen historischen Roman geschrieben habe, verweist er auf diesen Ratgeber. Ja, die Atmosphäre habe er einzufangen versucht, erklärt er verschmitzt. Aber dann lesen wir schon auf der 3. Seite, wie er Salomo zeichnet. Es ist  nur ein Wort von 2 Buchstaben, gefolgt von einem Fragezeichen: N wie Nordpol, U wie Ulrich und Fragezeichen. Wie können dieses Wort heutige Zeitgenossen verstehen, die die DDR-Atmosphäre in ihren vielfachen Schattierungen und ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten nicht präsent haben? Hören wir die kleine Szene:

 

„König Salomo stieg vom Thron herab, trat auf mich zu, legte mir seine kurze, fette Hand auf die Schulter und fragte:

‚Nu?’“.

 

Ein genialer Einfall! Dieses eine Wort - im Leipziger Idiom gesprochen - erhellt die Szene vollkommen, verändert den Verstehenshorizont. Alles, was danach gelesen und gehört wird, wird doppelbödig. Ein historisches Umfeld wird entfaltet und zugleich werden hoch aktuelle Parallelen zum DDR-Alltag aufgezeigt.

 

Ich weiß nicht, ob Wolfgang Hartmann über diese Doppelbödigkeit geschmunzelt hat. Ich könnte es mir aber denken. Denn geniale Einfälle wusste er zu würdigen.